Gedichte, handgeschrieben....

© Text und Bild – Judith Machacek  

Aus einigen Gesprächen mit Eltern, die ihr ungeborenes oder neugeborenes Kind verloren haben, entstanden diese Zeilen 2011. Sie fragten sich noch Jahre später, was sie und ob sie etwas falsch gemacht hätten. Ob sie zu wenig Achtgegeben hätten und wünschten sich so sehr, dass ihr Kind gut aufgehoben sei und in all dem, irgendwo ein Stückchen Friede zu finden sei. 

 

Wir können die andere Seite nicht wirklich befragen, aber wir dürfen es wagen, eine Antwort für uns zu finden. Eine, mit der wir leben können und die uns Frieden schenkt. Für einen ersten Moment, für öfters und irgendwann für immer. 

 

Abschied eines Ungeborenen / Neugeborenen

 

 

DANKE

 

mama

 

dein bauch hat mich viele wochen
warm gehalten und geborgen getragen
deine stimme war mein "hallo tag" am morgen
und mein "gute-nacht-lied" am abend


an manchen tagen spielten wir verstecken miteinander
und an anderen war es ganz still zwischen uns
deine liebe zu mir war da jeden tag

 

 

papa

 

deine gedanklichen umarmungen
streichelten mich wie federn auf meiner haut
deine schritte am tag
waren der flügelschlag des lebens


wir teilten beide die gewissheit
dass alles anders wird, bin ich erst mal da
wir waren beide mutig

 

 

 

euer hoffen und bangen

ist nun wie das wiegen meiner ersten kinderschaukel
eure tränen 

wie kleine wellen, die mich sanft hinübertragen

 

ich gehe jetzt nach hause
und nehme all das mit

 

mein weg ist hell und klar
und ich bin nicht allein

 

 

Judith Machacek/Bayreuth 

.

 

 

 

Dieser Text ("bald") entstand während einer Fortbildung 2011 und zu meiner Tätigkeit auf der Palliativstation Bayreuth. Kurz danach begleitete ich mit Unterbrechungen und für fast ein dreiviertel Jahr, eine junge Patientin. Sie fand diese Gedanken damals sehr tröstlich und ich sie in meinen Zeilen sehr oft wieder.  Heute widme ich ihr diese nocheinmal mit meinem Herzen.

 

Für K.:

 

 

bald …..

 

Lächelt mir die sonne an mein bett
und tragt mir meine schuhe an den himmel.

reicht mir die brille, um in den sternen zu lesen
und den füller, meine träume zu beschreiben.

füllt mir den rucksack mit proviant aus erinnerungen
und packt mir ein paar farben ein.

denn bald ziehe ich los
und werde den himmel durchwandern.
ich werde den sternen ihre liebsten geschichten entlocken
und bücher schreiben, mit träumen die wahr sind.
ich streue meine schönsten erinnerungen ins firmament
und füge allem noch ein paar meiner lieblingsfarben bei.

und wenn all dies vollbracht ist,
lass ich die liebe vom himmel regnen,
barfuß und sehenden auges.

und ihr werdet wissen,
dass jeder einzelne tropfen, der eure haut benetzt,
ein gruß aus der ewigen welt ist.


                                                                                 Judith Machacek

 

 

Selbstwert

 

Vielleicht stimmt es wirklich

und ich bin nicht mit Schönheit gesegnet.

 

Vielleicht stimmt es tatsächlich

und mein Gang ist etwas schief.

 

Und vielleicht mag es sein, 

dass das, was ich zu sagen habe,

nicht immer das ist, 

was ein anderer hören mag. 

 

Aber eines könnt ihr mir glauben: 

lieber nicht ganz so schön,

ein bisschen schief

und ein paar ehrliche Worte auf den Lippen

 

-als schön gerade, meinen Mund zu halten......

 

 

                                                                           Judith Machacek

 

 

 

Meinen Sinnen lauschen

 

Ein leichter Wind umgibt mich in diesen Tagen,

streichelt mir die Wangen

und neckt mich an der Nase.

 

Ganz still werde ich.

Atme in mich hinein und bin nur bei mir.

 

Versuche zu hören, was nicht zu sehen ist.

- Hinhören.

Versuche zu sehen, was nicht zu hören ist.

- Beachten.

Ich fühle, ohne direkt berührt zu sein.

 

Ich habe meine Sinne geschärft,

ganz bewußt, für einen Augenblick

und erfahren –

dass alles spürbar ist,

 

wenn ich nur will ……………

 

 

                                                                Judith Machacek, Bayreuth



 

 

Ich bin die Zeit,

meist unterschätzt - in meiner Länge und meinem Bestand.
Von euch selbst zu eurem größten Konkurrenten gemacht,
in dem Glauben, ich würde wachsen, wenn ihr euch beeilt.

Doch meine Natur ist relativ, so wie auch dieser Moment.
Jeder einzelne ist kostbar und nicht zu wiederholen.
All eure Möglichkeiten und Verluste liegen in mir.
Euer Erinnern, Verzeihen und Hoffen, euer Lachen und Weinen.

Nehmt euch Zeit und ich komme euch entgegen.

Hetzt durch mich hindurch und ich eile euch voraus.

Gebt mir Raum und ich vervielfältige mich.

Seid achtsam mit mir und ich achte auf euch.

Schätzt mich wert und ich bin euer innerer Reichtum.


Wisst um mein Ende und ihr werdet begreifen,
dass ich stetig das Heute bin, das Jetzt und das Hier.

 

Für alle Zeit.

 



                                                               Judith Machacek / Bayreuth





 

 

Dement



Behutsam

taste ich mich vor

In die Welt des Unbekannten.

 

Tag für Tag,

setze ich vorsichtig jeden Schritt.

 

Ich lese meinen Namen

und erinnere mein Gesicht.

Ich erkenne vage den Klang meiner Stimme

und ahne, dass ich es bin.

 

Ich vergesse mich,

Stunde um Stunde.

Meine Stärke liegt im Erinnern meiner Kindheit

und im Hier und Jetzt.

 

Doch ab und zu 

nur einen Moment lang

bin ich es, dem ich begegne,

und dann bin ich wieder eins mit mir

und in meiner Zeit.

                                                                             Judith Machacek

 

 

 

….die Wahrheit traf die Illusion.



Für eine kurze Zeit gingen sie auf gleicher Höhe und in dieselbe Richtung. Als sie sich trennten, lächelte die Wahrheit und sagte freundlich zur Illusion: „Danke für deine Gesellschaft, bis demnächst!“

Die Illusion aber antwortete nichts, war sie doch der Meinung, sie hätte nur geträumt.... .

                                                                                 Judith Machacek

 

 

 

 

Kinder der Zeit

 

Gefühle sind wie Kinder der Zeit.

Wertvolle Leihgaben, Geschenke des Lebens.

Lassen wir sie wachsen,
mit all unserem Herz,
unserer Verantwortung,
unserer Hingabe,
unserem Wissen,
unserem Glauben,
und unseren Träumen und Visionen.

Und maßregeln wir sie nicht mit alten Erfahrungen
und unserem erwachsen gewordenen Misstrauen,
aus Angst, sie könnten zu groß werden.

Unsere Gefühle,
die wie Kinder sind,
in ihrer Zeit.

 

                                                                                          Judith Machacek