Kunst, Farbe, Märchen und Träume

 

 als Sprache in

 

Kommunikation, Therapie und Pädagogik

 

 

 

 

Judith Machacek, Aquarellkreide auf Leinwandplatte 40x50cm, 2018

 

 

 

30.07.2018

 

Ich besuche seit Anfang 2016 Schreibwerkstätten zum Kreativen- und Autobiographischen Schreiben. Eine Schreibanregung war: "Will ich wissen, wie es weitergeht?" - für mich in dem Gedanken geschrieben, ob ich wirklich, wissen will, was im Leben noch alles auf mich zukommt was ich bewältigen, auch noch etragen muss? Natürlich würde es mir Sicherheit geben, zu wissen, was mich trägt, mir Gutes wiederfährt und was gelingt. Das eine gibt es ohne das andere nicht. Soweit ich für mich und meine zweite Tochter sorgen kann und muss, versuche ich für sicheren, stabilen Boden für uns zu sorgen, gesundheitlich, existenziell und mental, so wie es mir möglich ist. Das gelingt mal besser und mal weniger gut, in manchem brauche ich gerade Unterstützung. . Seit dem schweren Unfall, ist eine große Unsicherheit gewachsen, ich trage Ängste in mir, die ich davor in diesem Maß nicht kannte.

 

Im übergeordneten Sinn, um den es hier in den Zeilen, geht, möchte ich keinen Blick wagen. Vielleicht geht es Ihnen da anders... . 

 

 

 

Wenn ich wüßte, wie es weitergeht....

 

Wenn ich wüsste, wie es weitergeht, ……

wäre ich ein Dankbarer oder Klagender,

ein Sorgenfreier oder Ängstlicher.

Wäre ich voller Demut oder Unverstand,

ein Erinnerer oder Träumer.

 

Wen ich wüsste, wie es weitergeht, …..

würde ich singen oder toben,

lieben oder lassen.

Würde ich schenken oder horten

glauben oder taumeln.

 

Wenn ich wüsste, wie es weitergeht, ….

hätte mein Lebensbuch bereits einen Titel und ein Ende,

wäre ich ein Lebens-Wissender, statt ein Lebens-Lebender.

 

Will ich wissen, wie es weitergeht?

 

Nein.

 

 

 

27.06.2018 

 

Die Liebe lehrt mich

 

Die Liebe lehrt mich, dass ich Alles bin.

Die Weisheit lehrt mich, dass ich Nichts bin.

Dazwischen verläuft mein Leben.

 

(Sri Nisargadatta Maharaj)

 

 

 

16.06.2018

 

 "Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will."

 

Rainer Maria Rilke

 

 

 

10.06.2018

 

Zu empfinden, was er sieht, zu geben, was er empfindet, macht das Leben des Künstlers aus. 

 

Max Klinger

 

 

 

4. Juni 2018

 

Für meine Tochter Leonie ( +20 /2017)

 

In meiner Liebe bist du mir nah, weniger in meinem Schmerz. Vor allem im Wertschätzen dessen, was gewesen - anstelle im schmerzhaften Vermissen. Ich spüre dich in Bildern und Zeilen der Hoffnung. In Worten der Bitterkeit liegt oft Schweigen. ich entdecke dich an so unerwartet lebendigen Orten. Bist mir nah in Gesten und Fügungen, wie zufällig. 

 

Wenn ich lächle, dann lächelst du mit. Wenn ich weine, dann weinst du manchmal mit. Auf meine Fragen hin, gibst du mir Antworten. Ich selbst muss sie finden, ich weiß. Gestern ist vorbei, vergeblich dich darin zu finden. Es wäre wie aus Erinnerungen ein Museum zu zimmern, ein lebloser Raum. Das ist nicht das, was ich meine. Lernen, dich im Heute, im Jetzt und im Hier zu "sehen".

 

Alles was zählt ist die Liebe. Sie bleibt und ist. Du, genauso nah an meiner Seite. Anders. Tief in meinem Herzen. Wie immer.

 

Mama

 

 

 

26. Mai 2018

 

Dieses Lied beschreibt dieser Tage, wie es sich anfühlt, den Verlust langsam anzunehmen..... : 

 

"William Joseph: A Mother´s Heart" aus seinem Album Beyond

 

 

 

22. Mai 2018

 

Nie war mir so sehr bewusst, dass die Zukunft auch die Vergangenheit umschreiben kann.

Dinge geschehen, die dem, was wir gestern und vorgestern und vorvorgestern ……  erlebten, eine andere Bedeutung verleihen. Unser Miteinander, das Handeln eines Menschen, Sätze die gesprochen, Zeilen die geschrieben wurden….. . Sie geben - zumindest meiner Gegenwart - das Gefühl, das ganze Leben ist durch und durch miteinander verwoben. Zeitlich in beide Richtungen. Weit mehr, als wir es wahrnehmen können.  Wir glauben das im besten Fall zu „wissen“ – aber Wissen ist so wenig, wenn man einmal erfahren hat und musste, wie es sich tatsächlich anfühlt.  Seit dem Tod meiner Tochter Leonie im letztem Jahr, erlebe ich eine Durchlässigkeit an mir, die vieles noch viel deutlicher und intensiver wahrnimmt, als ich es in meinem Leben davor schon tat.

 

Was das Miteinander unserer Gesellschaft betrifft, erschreckt es mich zunehmend. Selbst schwerste Unfälle haben inzwischen Unterhaltungswert und sind Geldmaschinen für  Menschen und Institutionen geworden. Das Leid derer, die in den Unfall involviert waren und das Leid der Angehörigen, wird schon nach wenigen Stunden vergessen, ignoriert, im besten Falle mit einem Bedauern vom Tisch gewischt - es findet meist kaum wirkliche Beachtung. Wir Menschen haben uns teils unmenschliche Gesetze erdacht und verfasst, die Opfer und Hinterbliebene zu erneuten und neuen Opfern machen, das war so bitter zu erfahren.  Diese schwere Art von Durchlässigkeit zu spüren, hat mir zeitweise jede Hoffnung genommen.

 

Und auch sind da einzelne Menschen, die mir und meiner zweiten Tochter in all den letzen Monaten vor allem als Mensch begegnet sind und nicht nur in ihrer Funktion. Die sich berührt fühlten oder berühren ließen und damit steifen Gesetzen, die man nicht verstehen will und auch nicht wirklich kann, ein erträglicheres Gesicht gaben. Menschen, die mir zuhörten, wahrnehmen wollten und konnten, was ich sagen wollte, ohne es umzudeuten. Das half mir zu überleben und machte mir Mut, meine Gedanken  von diesem Schweren wieder abzuziehen und sie dorthin zu wenden, wo anderes war. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar!

 

Ich glaube viele Zeichen zu finden und zu sehen, die mich wissen lassen, dass meine Tochter in einem anderen Sein gut aufgehoben ist. Ich halte bewusst meine Augen auch nach innen offen. Wenn ich an Leonie denke, ist es hell und warm. Eine leise Freude durchströmt mich in den letzten Tagen ebenso, wie oft die Sehnsucht und das Vermissen. Es gibt Momente, da kann ich sie lächeln sehen. Manchmal lehnt sie in meinen Gedanken ihren Kopf wie eh und je an meine Schulter und dann meine ich, sie für Sekunden wieder zu spüren. Ich versuche, das Geschenk, das in all dieser Ambivalenz liegt zu sehen und zu bewahren. 

 

Ich weiß, sie möchte, dass ich wieder lebe, nicht nur überlebe. Das ich wieder glücklich werde und das Leben als leichter empfinde. Ich übe, bittersüß fühlt es sich an. Ich muss mir erlauben, das Gute, das Leichtere und die Freude wieder zu spüren und all das festzuhalten. Es ist kein Verrat an meiner Trauer die ebenso da ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Tränen und Lachen sind nah beeinander und so eng verstrickt, …… . Trauer gäbe es ohne Liebe nicht. Es dauert, ich bemühe mich, von Tag zu Tag.

 

Die Zeit noch einmal rückwärts neu lesen, das tue ich. Schätze finden und Botschaften, die mir gut tun. Nur eines davon, möchte ich mit Ihnen hier teilen: Ich war vor einigen Wochen in einem Gespräch mit einer Freundin und erzählte ihr von einem Klavierstück von Armand Amar, dessen Klang meine Trauer gut beschrieb. Wir waren in einem Kaufhaus auf einen Kaffee, in dem zur Deko ein Klavier stand. Auf diesem das Schild - "Spielen nur mit Genehmigung". Während ich meiner Freundin dieses Musikstück beschrieb, setzte sich mir im Rücken eine junge Frau anderer Kultur - und aus einem anderen Eck des Cafes, an genau dieses Klavier . Sie spielte nur ein einziges Lied an: genau dieses, von dem ich erzählte: "Armand Amar - Innana".  Sie saß viel zu weit weg, als dass sie unser Gespräh hätte hören können. Mir liefen die Tränen....... , was für ein Geschenk. Es gäbe noch viele solcher Begebenheiten zu beschreiben, z.B.. ein Taschentuch, dass ich am Ostersonntag gegen 4:30 Uhr morgens unbeachtet in meine Jackentasche steckte und später hervorzog. Es kam aus dem letzten Päckchen an Taschentüchern, das schon ewig unbeachtet in einer Schublade gelegen hatte. Ich ging in den Auferstehungsgottesdienst in jene evangelische Kirche, in der meine Tochter letztes Jahr im März beerdigt wurde. Dieser wird dort mit Kerzen und Fackeln und im Dunkeln begangen. Als ich das Taschentuch benutzen wollte, in Händen hielt und auffaltetet, musste ich wirklich den Atem anhalten - denn aufgedruckt waren lauter Kerzen und eine bunte Torte mit den Worten überschrieben: "Happy Birthday". Nein, nicht ich hatte Geburtstag - sondern dieser Ostersonntag in diesem Jahr 2018, war der 1. April. Dieser Tag wäre der 22. te Geburtstag meiner verstorbenen Tochter Leonie gewesen. Ich habe es behalten und hüte diesen Schatz.

 

Seit ca. 10 Jahren liegen Seiten voll Text in meiner Schublade. Schon lange wollte ich ein Buch schreiben über meine Arbeit mit Menschen die wissen, dass sie auf ihrer letzten Lebensstrecke sind oder die inzwischen gestorben sind. Über die Kunst darin als Ausdruck und mit handgeschriebenen, eigenen Texten, Gedichten und eigenen Bildern. Nun selbst ein Kapitel dazu setzen zu müssen, dass den Verlust meines eigenen Kindes zum Inhalt hat und meine Gefühle dazu und meinen Umgang damit, - nie habe ich tatsächlich daran gedacht. Doch es schreibt sich schon längst in meinem Herzen und in vielen einzelnen Blättern, Monat für Monat und irgendwann werde ich es ans Licht holen.

 

Nicht nur das Schwere und Belastende das es zu benennen gibt, auch das, was Besonders ist. Trauer in verständliche Worte zu fassen, ohne Rat zu geben und ohne nach Mitleid haschen zu wollen, einfach weil Trauer „ist“ und Trauer zu jedem von uns gehört. Und ebenso gibt es da Vieles, was es uns erträglicher macht. Das, was wir hinterlassen bekommen  haben und was wir so leicht geneigt sind zu übersehen in unserem Schmerz. Herzensgeschenke, die uns längst gemacht worden sind und die, die noch kommen, wenn der Mensch, um den wir trauern und den wir vermissen, schon längst in einer anderen Welt ist. Es gibt sie. Ich glaube ganz fest daran…… .

 

Für heute und gerade, einfach so, für Sie.....

 

Judith Machacek

 

 

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