Kunst, Farbe, Märchen und Träume

 

 als Sprache in

 

Kommunikation, Therapie und Pädagogik

 

 

© Text und Bild – Judith Machacek

 

Fotografie Judith Machacek, Sony Spiegelreflex

 

 

7. Oktober 2018

 

 

"Sieh, wie alles so still ist drüben in der Unendlichkeit. Wie leise ziehen die Welten, wie still schimmern die Sonnen. Der große Ewige ruhet wie eine Quelle mit seiner überfließenden unendlichen Liebe mitten unter ihnen und erquickt und beruhigt alles."

Jean Paul

 

 

Post für dich, meine Tochter im Himmel

 

 

 Nordjütland in Dänemark

 

Weiter Weg, 1100km, immer Norden

Berlin 

Flensburg

Aarhus 

Hirtshals und zurück

 

Ein Haus zu groß für einen 

alles da

Küche und Herd

Tisch und Teller

Kamin und Holz

 

Flacher Strand mit kühlem Wasser

feiner Sand

Seetang überall

Muscheln so klein

runde Steine

 

Himmel schenkt Weite

Möwenflug

Wolken schweben

dämmerndes Blau

Tag legt sich schlafen

 

Rotes Licht steht in Herz aus Muscheln 

flackert im Wind

nasser Sand

Füße davor

es brennt für Sie

 

Sind Worte in Landschaft gemalt

"Wir sehen uns wieder -

  Ich liebe dich.

  Mama"

 Rauhe Landschaft tröstet

 

 

Judith Machacek

 

 

 

 

16.09.2018

 

 

Das Leben

 

Das Leben ist wie ein Hell-Dunkel. Ein tönernes Stimmengewirr aus laut und leise, hoch und tief. Hineingeboren in freudige Erwartung, in offene Sorge oder stille Verzweiflung? Wer weiß das schon. Das schützende Dunkel verlassen für ein „Ungewiss“ und ebenso ein „Ziel“. Welches, ist zu diesem Zeitpunkt tief verborgen. Ankommen in hoffentlich warmen und freundlichen Händen. Eine kleine Seele, ein Leben lang Zeit.

 

Feine Linien zeigen die Richtung, der jeweilige Ton entsteht aus uns selbst. Im Laufe der Zeit, eine erste, zarte Melodie, ein erkennbarer Rhythmus. Manches wird zum leidigen Muster, die Wiederholung zum Auftrag. Anderes wird uns lieb und teuer, die Lebenstöne für immer festhalten wollen.

 

Jedes Leben ein eigenes Stück, unbekannter Auftrag, unbestimmte Zeit. Jeder Tag ein Notenblatt. Leise Töne ebenso wichtig, wie laute. Das eine Leben gleich einer flüchtigen Notiz auf Löschpapier, das andere gewichtig und schwer, wie auf Leinen gedruckt.  Selbst der Titel erschließt sich uns erst am Ende, mit einem weisen Blick auf uns selbst. Der Blick der (Über-) Lebenden weiß längst nicht alles. Das Wissen der Toten teilen diese erst eines Tages mit uns.

 

Note um Note, Tag für Tag, schrieb ich an meinem eigenen Stück nur scheinbar selbstbestimmt. Plötzlich Pause, bitterer Verlust. Dunkle und tiefe Töne haben meine Melodie verändert.

 

 

Judith Machacek,

(geschrieben als verwaiste Mutter, 2018)

 

 

 

 

17.08.2018 

 

Lebensreise

 

Immer wieder bin ich tief berührt, wie Menschen mir ihre Lebensreise oder einen persönlichen Bildwunsch beschreiben. Vertrauen ist die Basis, wenn sich etwas in Farbe auf Leinwand finden darf.  Der Wunsch nach einem kleinen Boot, zu Wasser..... ? Gerne. Fragen wie: "Was hören Sie", "Welche Jahreszeit haben wir?", "Ist da ein Paddel und Platz für ein oder zwei Menschen?". "Ein kühles Gewässer oder ein warmer Ort?", "Kommt der Wind aus Ost oder Nord?"...... , so vieles mehr.....

 

Bilder entstehen, manche ziehen vorbei, andere bleiben. Erst in Gedanken, dann eine Ahnung, später ein Gefühl dazu. Bunte, beschreibende Worte, das Aussprechen all dessen..... - und langsam entsteht eine Stimmung, ein Ort der Erinnerung, der Träume, der....... -  oder des Abschieds. Für Aussentehende, die nicht darum wissen, zuerst nur ein Bild. Für die anderen, ein wichtiger Teil ihrer Geschichte. Nur selten hat es einen Titel. Ein wichtiges Wort, enthält es oft. 

 

Meine Art, miteinander zu arbeiten, wenn es mein Gegenüber aufgrund körperlicher oder anderer Einschränkungen selbst nicht mehr kann. 

 

 

 

30.07.2018

 

Ich schreibe seit langem für mich selbst und besuche seit 3 Jahren Schreibwerkstätten zum Kreativen- und Autobiographischen Schreiben. Eine Schreibanregung war: "Will ich wissen, wie es weitergeht?" - für mich in dem Gedanken geschrieben, ob ich wirklich, wissen will, was im Leben noch alles auf mich zukommt was ich bewältigen, auch noch etragen muss? Natürlich würde es mir Sicherheit geben, zu wissen, was mich trägt, mir Gutes wiederfährt und was gelingt. Das eine gibt es ohne das andere nicht. Soweit ich für mich und meine zweite Tochter sorgen kann und muss, versuche ich für sicheren, stabilen Boden für uns zu sorgen, gesundheitlich, existenziell und mental, so wie es mir möglich ist. Das gelingt mal besser und mal weniger gut, in manchem brauche ich gerade Unterstützung. . Seit dem schweren Unfall, ist eine große Unsicherheit gewachsen, ich trage Ängste in mir, die ich davor in diesem Maß nicht kannte.

 

Im übergeordneten Sinn, um den es hier in den Zeilen, geht, möchte ich keinen Blick wagen. Vielleicht geht es Ihnen da anders... . 

 

 

 

Wenn ich wüßte, wie es weitergeht....

 

Wenn ich wüsste, wie es weitergeht, ……

wäre ich ein Dankbarer oder Klagender,

ein Sorgenfreier oder Ängstlicher.

Wäre ich voller Demut oder Unverstand,

ein Erinnerer oder Träumer.

 

Wen ich wüsste, wie es weitergeht, …..

würde ich singen oder toben,

lieben oder lassen.

Würde ich schenken oder horten

glauben oder taumeln.

 

Wenn ich wüsste, wie es weitergeht, ….

hätte mein Lebensbuch bereits einen Titel und ein Ende,

wäre ich ein Lebens-Wissender, statt ein Lebens-Lebender.

 

Will ich wissen, wie es weitergeht?

 

Nein.

 

 

 

27.06.2018 

 

Die Liebe lehrt mich

 

Die Liebe lehrt mich, dass ich Alles bin.

Die Weisheit lehrt mich, dass ich Nichts bin.

Dazwischen verläuft mein Leben.

 

(Sri Nisargadatta Maharaj)

 

 

 

16.06.2018

 

 "Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will."

 

Rainer Maria Rilke

 

 

 

10.06.2018

 

Zu empfinden, was er sieht, zu geben, was er empfindet, macht das Leben des Künstlers aus. 

 

Max Klinger

 

 

 

4. Juni 2018

 

Für meine Tochter Leonie ( +20 /2017)

 

In meiner Liebe bist du mir nah, weniger in meinem Schmerz. Vor allem im Wertschätzen dessen, was gewesen - nicht nur im schmerzhaften Vermissen. Ich spüre dich in Bildern und Zeilen der Hoffnung. In Worten der Bitterkeit liegt oft Schweigen. ich entdecke dich an unerwartet lebendigen Orten. Bist mir nah in Gesten und Fügungen, wie zufällig. 

 

Wenn ich lächle, dann lächelst du mit. Wenn ich weine, dann weinst du manchmal mit? Auf meine Fragen hin, gibst du mir Antworten, ich selbst muss sie finden, ich weiß. Gestern ist vorbei, vergeblich dich darin zu suchen. Es wäre, wie aus Erinnerungen ein Museum zimmern, ein lebloser Raum. Das ist nicht das, was ich meine. Lernen, dich im Heute, im Jetzt und im Hier zu "sehen".

 

Alles was zählt ist die Liebe. Sie bleibt und ist. Du, genauso nah an meiner Seite. Anders. 

 

Mama

 

 

 

26. Mai 2018

 

Dieses Lied beschreibt dieser Tage, wie es sich anfühlt, den Verlust langsam anzunehmen..... : 

 

"William Joseph: A Mother´s Heart" aus seinem Album Beyond

 

 

 

22. Mai 2018

 

Nie war mir so bewusst, dass die Zukunft auch meine gefühlte Vergangenheit umschreiben kann. Oder hat sich nur mein Blick geschärft?

Dinge geschehen, die dem, was wir gestern und vorgestern und vorvorgestern ……  erlebten, eine andere Bedeutung verleihen. Unser Miteinander, das Handeln eines Menschen, Sätze die gesprochen, Zeilen die geschrieben wurden….. . Sie geben - zumindest meiner Gegenwart - das Gefühl, das ganze Leben ist durch und durch miteinander verwoben. Zeitlich in beide Richtungen. Weit mehr, als wir es wahrnehmen können.  Wir glauben das im besten Fall zu „wissen“ – aber Wissen ist so wenig, wenn man einmal erfahren hat und musste, wie es sich tatsächlich anfühlt.  Seit dem Tod meiner Tochter Leonie im letztem Jahr, erlebe ich eine Durchlässigkeit an mir, die vieles noch viel deutlicher und intensiver wahrnimmt, als ich es in meinem Leben davor schon tat.

 

Was das Miteinander unserer Gesellschaft betrifft, erschreckt es mich zunehmend. Selbst schwerste Unfälle haben inzwischen Unterhaltungswert und sind Geldmaschinen für  Menschen und Institutionen geworden. Das Leid derer, die in den Unfall involviert waren, das Leid der Angehörigen, geschweige denn das Schicksal der Toten, wird oft schon nach wenigen Stunden von der Öffentlichkeit vergessen, ignoriert, mit einem Bedauern vom Tisch gewischt. Genau der Öffentlichkeit die vehement auf "ihr Recht auf Information" beharrt, wie paradox. Wir Menschen haben uns teis fragwürdige Gesetze erdacht und verfasst, die Opfer und Hinterbliebene zu erneuten und neuen Opfern machen, und selbst Außenstehende resigniert und sprachlos zurücklassen. Das war so bitter zu erfahren. Das Gefühl hat sich breit gemacht: "da kann man nix machen, unserer Gesellschaft ist so!" Stimmt das wirklich und sind wir selbst nicht genau dieses Gesellschaft? Also könnten wir etwas tun!

 

Und es gibt sie doch, die Mitmenschen, die zu echter Anteilnahme, zu echem Mitgefühl fähig sind und sie sind so wertvoll und wichtig. Auch mir sind sie begegnet. Auch in Ämtern und Einrichtungen, die mir und meiner zweiten Tochter in all den letzen Monaten vor allem als Mensch begegnet sind und nicht nur in ihrer Funktion. Die sich berührt fühlten oder berühren ließen und damit steifen Gesetzen, die man nicht verstehen will und auch nicht wirklich kann, ein erträglicheres Gesicht gaben. Menschen, die mir zuhörten, wahrnehmen wollten und konnten, was ich sagen wollte, ohne es umzudeuten. Das half mir zu überleben und machte mir Mut, meine Gedanken  von diesem Schweren wieder abzuziehen und sie dorthin zu wenden, wo anderes war. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar!

 

Ich glaube viele Zeichen zu finden und zu sehen, die mich wissen lassen, dass meine Tochter in einem anderen Sein gut aufgehoben ist. Ich halte bewusst meine Augen auch nach innen offen. Wenn ich an Leonie denke, ist es hell und warm. Eine leise Freude durchströmt mich in den letzten Tagen ebenso, wie oft die Sehnsucht und das Vermissen. Es gibt Momente, da kann ich sie lächeln sehen. Manchmal lehnt sie in meinen Gedanken ihren Kopf wie eh und je an meine Schulter und dann meine ich, sie für Sekunden wieder zu spüren. Ich versuche, das Geschenk, das in all dieser Ambivalenz liegt zu sehen und zu bewahren. 

 

Ich weiß, sie möchte, dass ich wieder lebe, nicht nur überlebe. Das ich wieder glücklich werde und das Leben als leichter empfinde. Ich übe, bittersüß fühlt es sich an. Ich muss mir erlauben, das Gute, das Leichtere und die Freude wieder zu spüren und all das festzuhalten. Es ist kein Verrat an meiner Trauer die ebenso da ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Tränen und Lachen sind nah beeinander und so eng verstrickt, …… . Trauer gäbe es ohne Liebe nicht. Es dauert, ich bemühe mich, von Tag zu Tag.

 

Die Zeit noch einmal rückwärts neu lesen, das tue ich. Schätze finden und Botschaften, die mir gut tun. Nur eines davon, möchte ich mit Ihnen hier teilen: Ich war vor einigen Wochen in einem Gespräch mit einer Freundin und erzählte ihr von einem Klavierstück von Armand Amar, dessen Klang meine Trauer gut beschrieb. Wir waren in einem Kaufhaus auf einen Kaffee, in dem zur Deko ein Klavier stand. Auf diesem das Schild - "Spielen nur mit Genehmigung". Während ich meiner Freundin dieses Musikstück beschrieb, setzte sich mir im Rücken eine junge Frau anderer Kultur - und aus einem anderen Eck des Cafes, an genau dieses Klavier . Sie spielte nur ein einziges Lied an: genau dieses, von dem ich erzählte: "Armand Amar - Innana".  Sie saß viel zu weit weg, als dass sie unser Gespräh hätte hören können. Mir liefen die Tränen....... , was für ein Geschenk. Es gäbe noch viele solcher Begebenheiten zu beschreiben, z.B.. ein Taschentuch, dass ich am Ostersonntag gegen 4:30 Uhr morgens unbeachtet in meine Jackentasche steckte und später hervorzog. Es kam aus dem letzten Päckchen an Taschentüchern, das schon ewig unbeachtet in einer Schublade gelegen hatte. Ich ging in den Auferstehungsgottesdienst in jene evangelische Kirche, in der meine Tochter letztes Jahr im März beerdigt wurde. Dieser wird dort mit Kerzen und Fackeln und im Dunkeln begangen. Als ich das Taschentuch benutzen wollte, in Händen hielt und auffaltetet, musste ich wirklich den Atem anhalten - denn aufgedruckt waren lauter Kerzen und eine bunte Torte mit den Worten überschrieben: "Happy Birthday". Nein, nicht ich hatte Geburtstag - sondern dieser Ostersonntag in diesem Jahr 2018, war der 1. April. Dieser Tag wäre der 22. te Geburtstag meiner verstorbenen Tochter Leonie gewesen. Ich habe es behalten und hüte diesen Schatz.

 

Seit ca. 10 Jahren liegen Seiten voll Text in meiner Schublade. Schon lange wollte ich ein Buch schreiben über meine Arbeit mit Menschen die wissen, dass sie auf ihrer letzten Lebensstrecke sind oder die inzwischen gestorben sind. Über die Kunst darin als Ausdruck und mit handgeschriebenen, eigenen Texten, Gedichten und eigenen Bildern. Nun selbst ein Kapitel dazu setzen zu müssen, dass den Verlust meines eigenen Kindes zum Inhalt hat und meine Gefühle dazu und meinen Umgang damit, - nie habe ich tatsächlich daran gedacht. Doch es schreibt sich schon längst in meinem Herzen und in vielen einzelnen Blättern, Monat für Monat und irgendwann werde ich es ans Licht holen.

 

Nicht nur das Schwere und Belastende das es zu benennen gibt, auch das, was Besonders ist. Trauer in verständliche Worte zu fassen, ohne Rat zu geben und ohne nach Mitleid haschen zu wollen, einfach weil Trauer „ist“ und Trauer zu jedem von uns gehört. Und ebenso gibt es da Vieles, was es uns erträglicher macht. Das, was wir hinterlassen bekommen  haben und was wir so leicht geneigt sind zu übersehen in unserem Schmerz. Herzensgeschenke, die uns längst gemacht worden sind und die, die noch kommen, wenn der Mensch, um den wir trauern und den wir vermissen, schon längst in einer anderen Welt ist. Es gibt sie. Ich glaube ganz fest daran…… .

 

Für heute und gerade, einfach so, für Sie.....

 

Judith Machacek

 

 

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