Haltung zeigen

 

Haltung zeigen!

 

Farbe bekennen

Gesicht zeigen

Authentisch sein

Mut haben

 

 

Diese Seite ist im Entstehen. Hier finden Sie in Zukunft Texte, Erlebnisse und Gedanken, die mir wichtig sind zu teilen. Ich lebe in dieser, unserer Gesellschaft, wie immer diese auch jeder empfindet. Ich bin ein Teil davon und trage damit Verantwortung. Im Tun und im Unterlassen. Nur Reden, über Veränderungen nachdenken oder Kritik äußern reicht nicht. Es zählt, was wir tun!.

 

 

Mit diesem öffentlichen Brief, ich schrieb ihn als verwaiste Mutter Anfang Juli 2017, habe ich versucht zu beschreiben, was ich empfinde, wenn Menschen an Unfallorten  filmen, fotografieren, gaffen oder ihre Hilfe verweigern. Egal, ob von der Presse oder privat.

 

Meine Tochter starb 2017 als Fußgängerin unschuldig bei einem schweren Verkehrsunfall. Sie war erst 20 Jahre alt. Es gab Ersthelfer, für die ich sehr, sehr dankbar bin und bei denen ich mich bedankt habe, soweit ich ihre Adressen herausfand. Und es gab die Menschen, deren Fotos schon online im Netz standen, als ich noch unwissend zuhause in Deutschland saß und nichts von dem Unfall meiner Tochter in Den Haag wusste. Gegen diese schockierende Gedankenlosigkeit kämpfe ich an.

 

Ich möchte, dass sich diese Menschen bewussst machen, was es bedeutet, als Mutter Bilder vom Unfall meines eigenen Kindes im Netz zu finden, datiert auf Momente und wenige Stunden nach dem Unfall. Ich möchte, dass Gaffer, Filmer, Presse, usw beginnen zu begreifen, dass solche Unfallbilder bei vielen Angehörigen jedesmal ein neues De ja vues auslösen. Für uns Angehörigen, die wir unser Kind, unseren Partner, einen Teil unserer Familie verloren haben, erinnern Fotos von demolierten Autos oder Unfallszenen erneut und erneut an das Sterben unserer Liebsten. Ich unterstelle keine Absicht, sondern Sensationsgier, Dummhit und/oder Gedankenlosigkeit.  Jeder Mensch hat diese niederen Instinkte. Und jeder Mensch hat die Wahl, diesen nachzugeben oder sich für die Würde seines Mitmenschen zu entscheiden! Es geht um die eigene Haltung, mit der wir uns gegenseitig begegnen!

 

Dieser Brief wurde Anlass zu einer einseitigen Reportage auf der "Seite 3" der Süddeutschen Zeitung am 23. Dezember 2017. Ich hoffe, dass diese Zeilen viele Menschen erreichen und berühren. Berührung ist in meinen Augen das, was etwas bewegen kann, auch wenn es viel leiser daherkommt als Sensationsnachrichten oder den Finger nur anonym auf andere zu richten.  

 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Journalistin Frau Karin Steinberger und der Süddeutschen Zeitung, die sich diesem wichtigen Thema gewidmet haben. Vor allem für den achtsamen, warmherzigen und professionellen Umgang mit mir in der ganzen Zeit der Dokumentation! Auch für das Achtgeben dabei, dass ich mich nicht überfordere und dem Blick auf seriöse Berichterstattung, ohne sensationsheischendes Aufpolieren. Mich haben diese otos und Videos, sehr getroffen, gerade weil ich bereits unter Schock stand. Dieses Gefühl weiterzugeben,hätte niemandem etwas gebracht. Stattdessen Anteilnahme erlauben und wissen lassen, was es mit mit Betroffenen macht - und damit das Herz eines Mesnchen zu berühren, statt seiner Abwehr . ist mir weit mehr wert! Vielleicht auch Ihnen?

 

http://gfx.sueddeutsche.de/apps/e408811/tablet/

 

Ich bedanke mich ebenso für die bemerkenswerten, handgeschriebenen Briefe, die mich dazu erreicht haben. Ich werde jedem antworten, auch wenn es etwas dauert. Ganz herzlichen Dank dafür. Ebenso für die Einträge auf Leonies Gedenkseite, auf die ich nicht antworten kann, die ich aber in meinem Herzen trage.  

 

„Stattdessen seid ihr da … – was für eine bittere Alternative!“

Ich meine euch Gaffer , Filmer, Fotografierer, Hilfsverweigerer. Wo auch immer ihr seid, unabhängig von Geschlecht, Bildung, Status und Nationalität. Für meine vor kurzem verstorbene Tochter schreib ich diese Zeilen, für die Toten vom Busunglück bei Münchberg und für all die Opfer und Angehörigen von Unglücken, die vielleicht genauso empfinden wie ich.

Vor einigen Wochen, wurde meine Tochter (20) als Fußgängerin von einem aus der Bahn gekommenen Auto getroffen. Sie stand in einem Nachbarland wartend an einer roten Ampel und freute sich auf einen Tag im Kunstmuseum. Nur Stunden später starb sie an ihren schwersten Verletzungen. Was hätt ich darum gegeben, in diesen Sekunden, und Minuten nach dem Unfall bei ihr sein zu können. Sie in meinen Armen zu halten, sie zu berühren und ihr noch einmal zu sagen, wie sehr ich sie liebe und schätze. Aber ich war viel zu weit weg. So, wie viele Angehörige bei Unglücken weit weg sind.

Stattdessen aber seid ihr da? Auf euch ist Verlass?

Ich will daran glauben, dass meine Tochter in ihren letzten bewussten Sekunden und Minuten die Menschen spürte und sah, die für sie da waren. Jene, die sich am Unfallort an ihre Seite knieten, sie erstversorgten und hielten. Vielleicht waren sie unsicher, hatten sie Angst oder waren gerade in Eile, sie halfen trotzdem. Ich las in einem Protokoll, dass es Menschen gab, die sich versichert hatten, dass Hilfe unterwegs war oder vor Ort geholfen wurde. Vielleicht gingen manche weiter und hatten dafür ein Gebet für sie oder einen guten Gedanken. Nichts anderes mag ich glauben, könnte ich nicht ertragen ….. .

Ich mag gar nicht daran denken, wenn Sie euch Gaffer als letztes wahrgenommen hätte! Mit ihren schwersten Verletzungen auf der Straße liegend, eurem ungenierten Blick, euren Handys und Kameras ausgesetzt zu sein. Wer von euch mag sich da hineinfühlen? Es entsetzt mich, dass ihr in der Lage seid, euren Blick in dieser Weise auf Menschen und Unfallorte zu richten, die so viel Leid innehaben. Das ihr euch an dem Schicksal anderer ergötzt und auch noch in der Lage seid, all das kurz darauf mit euren Nachbarn, Freunden und in sozialen Netzwerken zu teilen. Mit welcher Gesellschaft umgebt ihr euch, dass sie sich für solche Bilder interessiert? Macht es euch größer, wichtiger oder besonders, Urheber solcher Fotos und Filme zu sein? Ist euer eigenes Leben so langweilig und uninteressant, dass immer mehr von euch diesen Kick brauchen? Nur nah genug ran, nur schnell genug dabei, am Leid der anderen!

Vielleicht möchtet ihr mir sagen, dass ihr nur gaffen könnt, anstelle zu helfen, weil ihr das Leid oder den Tod nicht aushaltet? Aber fotografieren könnt ihr dasselbe dann schon? Ihr könnt kein Blut sehen, aber dies filmen, das geht? „Die andern machen es auch?“ Die anderen, wer soll das sein? Das seid auch immer ihr für euer Gegenüber! Im Netz gab es Fotos zu meiner Tochter, wie sie auf offener Straße reanimiert und notversorgt wurde. Ich sah das betroffene Gesicht der Notärztin, die wartende Motorradescorte, den Hubschrauber und vieles mehr. Ein Video wurde von einer Nachrichtenagentur eingestellt. Das anzusehen war sehr schwer. Niemand bereitete mich als Mutter auf solche Bilder vor, keiner fragte, ob ich damit einverstanden war, dass es sie gibt. Fotos, die das Sterben meiner Tochter dokumentierten. Fotos wissen in einem solchen Moment schon viel mehr als man selbst.

Als ich vor wenigen Tagen von dem Busunfall in Münchberg hörte, nur wenige Kilometer von mir weg - und dass Menschen in ihren Autos in den ersten Reihen saßen und rein gar nichts taten um den Verunfallten und Überlebenden zu helfen - das hat mich sprachlos gemacht! Das ist unglaublich, dass euch das gelingt. Das ist unmenschlich, zutiefst beschämend. Was seid ihr nur für Vorbilder für unsere Zukunft? Was ist da los mit eurem Herz, eurem Verstand, eurem Mitgefühl? Ist jede Scham in euch vergessen oder schämt ihr euch wenigstens zuhause?? Oder ist da gar kein Ort mehr in euch herangewachsen, der sich wahrhaft betroffen fühlen kann, bereit ist zu helfen und sei es mit einem guten Wort?

Das hätten eure Kinder, eure Eltern oder Angehörigen sein können! Es hättest auch DU sein können, der da um sein Leben ringt oder der gerade gestorben ist….. So etwas zu lesen oder zu hören, ist für mich in meiner aktuellen Situation, wie jedes Mal auf´s Neue ein bisschen mitsterben.

Und was ist mit euch Politikern los?? Müsst ihr erst euer Kind, euren Angehörigen durch einen Unfalltod verlieren, um zu begreifen? Mit 70€ Bearbeitung für das Klauen eines Kaugummis, wird in Geschäften strenger bestraft als das Überholen auf dem Seitentreifen mit 25 € bei einem Unfall. Gaffen für 82,50 € incl. einem Punkt, falls überhaupt umgesetzt? Wieso kostet das nicht pauschal jeweils 1000€ und Punkt? Handy, Kamera an Ort und Stelle weg! Kann man an Rettungsfahrzeugen Kameras installieren, die nachhaltig beweisen, wer den Rettungsengpass mitzuverantworten hat? Denn Fotos, mögt ihr Gaffer doch so gerne und das Recht am eigenen Bild, hat euch beim anderen noch nie interessiert! Erste Hilfe Auffrischungskurse müssten für Autofahrer ein Muss sein, alle 3 Jahre gegen Gebühr, damit es nachhaltig und finanzierbar ist. Führerscheinkontrolle? Bitte kurz die stabile Seitenlage mit zeigen! Wer Auto fährt, muss in der Lage sein zu helfen. Hilfe gibt es in unterschiedlichster Form! Wer es nicht kann oder nicht bereit dazu ist, ob man dem ein Auto geben sollte? Da gäbe es noch mehr….., vermutlich ebenso unsere eigenen Gesetze, die all die Möglichkeiten wieder aushebeln, denn unser Land ist doch ach so frei und überaus sozial…….. . Ach ja, ist es das?

Seid ihr Politiker und Richter euch bewusst, was ihr für Signale setzt, mit den bisherigen lächerlichen Strafen und dem Appelliren an die Moral?? Vielleicht noch Bewährung? Gaffer zeigen uns inzwischen täglich, dass sie nur noch wenig Moral, Feingefühl und Schamgefühl haben. Und ihre Tabus werden stündlich weniger. Wer in seiner Funktion Strafen und Bußgelder ausarbeitet und androht, ohne für die Möglichkeit der Umsetzung zu sorgen, macht sich unglaubwürdig und hält andere Köpfe zur Verantwortung hin. Das geht so nicht! Bußgelder müssen so hoch sein, dass sie die Nachverfolgung und Umsetzung möglich machen, zur Not mit Schaffung neuer Arbeitsplätze. Bußgelder könnten den Opfern zu Gute kommen. Das wir uns überhaupt Strafen ausdenken müssen, damit wir untereinander bereit sind Rettungsgassen zu bilden, Rettungsräume zu respektieren oder uns zur Hilfe am Nächsten verpflichtet fühlen, ist eine traurige und klare Botschaft. Waren wir nicht schon mal weiter?

Es geht mir um unsere Werte und unsere Haltung die wir leben! Wenn wir nicht respektvoll uns und anderen gegenüber sind, wer ist es dann? Ich wünsche mir, dass wir das Leben der Verunglückten mehr wertschätzen, Hilfe in jedem Maße zulassen und unterstützen, anstelle diese zu blockieren. Ich wünsche mir, dass wir die Würde und Scham der Unfallopfer, der Sterbenden und der Toten besser schützen.

Mein Kind lag an einem Fußgängerüberweg , schwerstverletzt. Andere verunfallten in Bussen oder in ihren Autos. Sie starb. Viele starben und sterben täglich an anderen Orten. Väter, Mütter, Söhne und Töchter. Partner, Geschwister ….. Wir Angehörigen konnten und können nicht rechtzeitig an diesen Orten sein, um unsere Lieben zu halten, sie zu berühren, ihnen zu sagen, wie sehr wir sie lieben, wie sehr wir sie brauchen oder - sie vermissen werden.

Aber ihr,

ihr, könntet das in Zukunft für uns tun. ………

Judith Machacek, Bayreuth