Haltung zeigen

 

Haltung zeigen!

 

Farbe bekennen

Gesicht zeigen

Authentisch sein

Mut haben

 

Hier finden Sie Texte, Erlebnisse und Gedanken, die mir wichtig sind zu teilen. Ich lebe in dieser, unserer Gesellschaft, wie immer diese auch jeder empfindet. Ich bin ein Teil davon und trage damit Verantwortung. Im Tun und im Unterlassen. In einem hochtechnisierten Land wie dem unseren, ist inzwischen fast alles und jedes in Gesetze und Ordnungen verpackt. Die Verantwortung soll am Besten der andere tragen, wer auch immer das ist. Eine Kommentargesellschaft, die sich mutig zu Wort meldet, allerdings oft nur aus der Anonymität, das sind wir oft geworden. Das Zwischenmenschliche verliert sich mehr und mehr, das Füreinander einstehen und Mitgefühl scheint zu verkümmern. Ich glaube das es da ist, nach wie vor. Ich hoffe! Zu oft unbenannt, teils auch verloren,  auch dafür geschämt. Jedoch wiederbelebbar. Nur Reden, über Veränderungen nachdenken oder Kritik äußern reicht nicht. Es zählt, was wir tun und auch, was wir bereit sind, von uns selbst zu zeigen. 

 

 

 

13. Oktober 2018

 

Unsere Kinder starben nicht "einfach so". Sie starben auf der Straße als Fußgänger, Selbst- oder Mitfahrer. Nachweislich vollkommen unschuldig. Die Unfallfahrer berufen sich mit ihren Anwälten auf "sich nicht an den Unfallhergang erinnern können.... ." Wenn sie sich dazu noch selbst in psychologische Begleitung begeben und uns verwaisten Eltern ein Zeichen des Mitgefühles zeigen, sind dies erheblich strafmindernde Umstände. Der Tod unserer Kinder wird zur Nebensache. Das Leid von uns Eltern und die Folgen für unsere Familien, sind im Gericht nicht weiter relevant. Ein aktuelles Urteil schockiert mich erneut zutiefst. 

 

 

Kein Recht auf Leben

 

Meine Augen lesen Text, Ich kann es kaum glauben.

Mitgefühl für den Täter, sein seelischer Schmerz brauche Begleitung.

Nachsicht für ihn, "denn erinnern könne er sich nicht"

Ein Zeichen des Mitgefühls sei erfolgt, strafmindernde Umstände. Wenige Wochen Fahrverbot, ein paar Sozialstunden für den Tod der jungen Frau und die schweren Verletzungen ihrer Mutter. 

 

Ich kann kaum atmen. Vergangenes Jahr, mein eigenes Kind (20).

Die Unfallfahrerin zu schnell. "Auto trifft Fußgänger" steht im Protokoll. 

Mitgefühl für die Täterin, ihr seelischer Schmerz brauche Begleitung.

Nachsicht für sie, "denn erinnern könne sie sich nicht"

Ein Zeichen des Mitgefühls sei erfolgt, strafmindernde Umstände.

1000 Euro Bußgeld, den Führerschein gab es am Verhandlungstag zurück.

 

Beachtung und Glauben für die Täter. 

Bei Gericht gehe es nur um Schuld, nicht um den Wert unserer Kinder.

Eltern als Beisitzer, Kläger ohne Rechte, 

Verlust und Schmerz, steht neben Schuld.

Nicht wissen (wollen?) obsiegt, Schuld kommt frei.

 

Wir ringen um Fassung, unsere toten Kinder sind schon vergessen.

Unser eigenes Leid bekommt bitte wo Gewicht? Würde, für wen?? 

 

"Die Taten seien nicht wieder gut zu machen" Bedauern wird benannt.

Strafen die nicht spürbar sind, hebt Bedauern auf. 

 

Erneuter Schmerz...., nicht ihr müsst ihn fühlen!

Verzweifeln. Vermissen. Überleben müssen.

Keine Lobby für  unsere Kinder, keine Lobby für uns.

 

 

 

Judith Machacek, verwaiste Mutter 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

28. September 2018

 

 

Kleine Wunder

 

(für die und jene, die daran glauben, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich nicht beweisen, sondern nur erfühlen lassen). 

 

Vor einigen Wochen stand ich weit weg von Zuhause in einem kleinen, mir unbekannten Cafe - meiner verstorbenen Tochter Leonie zu Ehren. Wir hatten uns diese Gegend schon 2016 für gemeinsame, ruhige Tage ausgesucht. Lange vorher voller Vorfreude. Das ich nun alleine den Weg dorthin gewagt habe, kann nicht jeder verstehen. Mancher glaubt, ich quäle mich nur selbst. Ich wiederum möchte antworten: ich verabschiede mich, Tag für Tag. Auf die Art, die ich ich für mich brauche. Auch dafür braucht es gute Orte und eigene Möglichkeiten. Vielleicht verabschiedet man sich als verwaiste Mutter sein ganzes Leben lang. Orte und Plätze zu besuchen, die uns miteinander verbanden - auch diesen, der damals noch in der Zukunft lag - tut mir persönlich gut. Und ja - es ist auch bitter, diese Träume bewusst und vor Ort loslassen zu müssen. Vor allem Träume, die daran zerbrochen sind, das mein eigenes Kind hat sterben müssen.

 

So stand ich in diesem Cafe und fragte nach einem Stück Kuchen und einem Chai Latte. Denn dort, hätte auch Leonie einen Kuchen essen können. Meine  Tochter  vertrug keine Art von Zucker, kein Eis, keine Limonade, keinen Sekt, keinen Kuchen, keine..... , das fiel ihr oft schwer. Und dieses Cafe backte zuckerfrei, das hatte ich vorab gelesen! Eine der Damen an der Kuchentheke sagte: "Ich habe heute das erste Mal einen neuen Kuchen probiert, er ist gerade im Ofen. Möchten Sie etwas warten, dann ist er fertig?“  Ich fragte zurück: „Was haben Sie denn für einen Kuchen im Ofen?“ Ihre Antwort: „Zuckerfreien Möhrchenkuchen, er ist bestimmt sehr lecker “. Tränen kullerten über mein Gesicht, denn Möhrchenkuchen backte Leonie selbst am liebsten. Karotten konnte sie essen, kiloweise und es gab Zeiten, da hatten ihre Hände und Fußsohlen einen Orangeton von dem vielen Karotin. Ich erklärte meine Tränen und beide waren ebenso berührt wie ich. So kam ich später wieder.

 

Der Kuchen schmeckte wunderbar! Ich bestellte mir noch ein selbst-gebackenes Körnerbrötchen mit Butter nach und schrieb am Cafetisch Zeilen an Leonie. Ich trug diese in ein kleines, buntes Heftchen ein, das Leonie im Februar 2017 noch leer in ihrem Reise-Koffer getragen hatte. Ich brachte ihn aus den Niederlanden mit zurück, dem Land, aus dem mein Kind selbst nicht mehr lebend zurückgekehrt ist. Ich schrieb ihr, dass ich gerade für sie und für mich in diesem Cafe sitze, an was ich denke und wie sehr ich sie vermisse. 

 

Ich hatte das Bedürfnis, diesen besonderen Moment irgendwie festzuhalten, Erinnerungen sind mir so wertvoll geworden. So machte ich ein Foto von dem, was vor mir lag: das aufgeschlagene Heft, das geschnittene Körnerbrötchen, und gedanklich im Hintergrund, noch den bereits gegessenen Möhrchenkuchen. Beim besten Willen kann ich mich nicht erinnern, ein Video mit der exakt gleichen Einstellung auf meinem Handy gemacht zu haben. Vermutlich bin ich mit dem Finger ausversehen auf die Video- anstelle auf die Zurücktaste gekommen, denn abends war es auf meinem Handy. Es ist nur 7 Sekunden lang.

 

Auf dem Video ist laut ein Lied von Stevie Wonder? zu hören und nur eine einzige Zeile davon. Ich kann mich nicht erinnern, diese Musik in dem kleinen Cafe gehört zu haben, ich habe es eher still in Erinnerunge. Außer mir waren nur 3 weitere Gäste anwesend. Ich hab es einige Male anhören müssen, um diesen einfachen Satz zu verstehen. Stevie Wonder singt: 

 

„I`ll be on your side forevermore“ - " Ich bin an deiner Seite für alle Zeit" 

 

Frisch gebackener Mörchenkuchen, der Lieblingskuchen meiner Tochter und dieser eine gesungene Satz für mich.... . In einem Cafe, ca.1000 km weit weg von Zuhause und während ich Zeilen an mein Kind schrieb, das ich so sehr vermisste:

 

 „ICH BIN AN DEINER SEITE FÜR ALLE ZEIT“

 

Ist das ein Wunder, ist es Zufall oder ist es unglaublich? Für mich ist es Liebe, die Liebe, die uns verbindet.  Nur das.

 

Judith Machacek

 

 

 

Meine jüngere Tochter liebe ich ebenso und ich bin sehr froh, sie oft an meiner Seite zu haben. Wenn ich sie hier auf meiner Homepage wenig benenne, dann weil ich ihren Wunsch respektiere, in meinen öffentlichen Zeilen  außen vor bleiben zu wollen. Es ist kein Vergessen oder Hintenanstellen. Vielleicht ist es wichtig, dass hier zu sagen.

 

 

 

 

 

30. Juli 2018

 

Wo bleiben jetzt die Zeilen, die weiter mutig benennen wollten, was mich wütend macht und traurig und fassungslos und…….. . Es gibt sie, noch immer, sie sind nicht weg und ich bin so müde gerade. Ich habe im Schreiben gelernt, das Texte ruhen müssen, dass sie Zeit zum Reifen brauchen und man Dingen und Menschen auch eine Chance geben muss zu reagieren, auch wenn es lange dauert. Und da gibt es noch immer ein paar Briefe, in denen ich mich bedanken möchte, auf die ich antworten will und auch dazu bin ich gerade zu müde.

 

Vorgestern war ich beim Treffen der Verwaisten Eltern in unserer Stadt. Es hat mir gut getan. Gut getan, wieder auf Menschen zu treffen, die das gleiche erlebt haben wie ich, die Zeiten hatten und immer wieder haben, in denen sie ebenso am ihrem eigenen Verstand zweifelten und zweifeln wie ich. Da gibt es die gleiche Wut, die gleiche Ohnmacht, wie ich sie spüren kann und ebenso das Suchen nach dem, was uns überleben lässt als Eltern. Mein Zeitgedächtnis, ist miserabel, meine Wortfindungsprobleme stören dort niemanden, das ich fünf Minuten später das Gleiche nochmal erzähle und dafür vergesse zu benennen wonach gefragt war, kennt jeder.  Ich dagegen kenne mich selbst gerade nicht wieder. Ich war doch schon mal weiter.

 

Solche Phasen sind schwer auszuhalten, man möchte „es“ doch schaffen, wieder verlässlich funktionieren, „es“ im Griff haben. Man=Ich.  „ES“ – die Erwartungen meiner Umwelt, der Gesellschaft, auch meine eigenen an mich. Da spricht dann auch aus mir die lang Alleinerziehende Mutter, die wieder Arbeitende, die, die Verantwortung trägt, die wieder ins Bild passen will.  Auf der anderen Seite steht der trauernde Teil, der mit dem Tempo nicht mithalten kann, sich überfordert fühlt. . Es fühlt sich an wie ein inneres Tauziehen. Im Außen nur selten zu erkennen. Es ist eine Gratwanderung zwischen dem, was ich tun muss, um unsere Existenz weiter zu sichern und das mit eigenen, gefühlten Unzulänglichkeiten. Ist Trauer eine Unzulänglichkeit? Nein, sie bringt jedoch Fehlbarkeiten mit sich und Handlungsunfähigkeiten, ein deutlich vermindertes eigenes Tempo. Vor allem ganz viel Verwirrung, die ich das eine um das andere Mal auch nach außen trage.

 

Trauer ist nicht gleich nur Stillstand, ist nicht gleich das Aberkennen der Realität oder ein „mich verweigern wollen“. Meine Trauer ist lebendig, was nicht heißt, das sie besser wird oder lächelt. Sie besteht aus Erinnerungen, aus Bildern und Worten, schön wie schwer. Sie bringt das Aufgeben  von Zukunftsträumen mit sich, die nicht mehr wie gedacht stattfinden können, weil ein so wichtiger Mensch nicht mehr da ist und auch wir, die wir weiterleben dürfen, andere geworden sind.  Mich kostet es unglaublich viel Mut, es zu wagen, wieder an Gutes zu glauben, Schönes zu erleben, neue Träume zu entwerfen. Denn wie schnell können sie dahin sein, kann man sie verlieren und verloren hab ich doch schon soviel. Das Entwerfen einer unbekannten Zukunft kostet viel Kraft, wenn man sich nach Sicherheit sehnt. Meiner jüngeren Tochter fällt das sehr schwer mitanzusehen. Gerade jetzt bräuchte sie ein stabiles Gegenüber, an dem man ablesen kann, das alles wieder ins Lot kommt.

 

Trauer ist ein Zustand, kein einzelnes Gefühl. Meine hat Sehnsucht  UND Hoffnung. Ich fühle mich sicher, wenn ich alleine bin UND ich fühle mich sicher, wenn jemand da ist. Klingt wie ein Widerspruch, ist es nicht. Ich freue mich, dass ich wieder stundenweise arbeiten kann UND es gibt Tage, da denke ich am Morgen, hoffentlich schaffe ich das.  Es gibt ganz viele „und`s“ – es gibt nicht nur dies oder das. Mich über eine Einladung freuen können, Hoffnung haben, etwas plötzlich ohne Grund verschenken zu wollen und zu können, das sind die Päckchen die am Wegesrand meiner oft so ambivalenten Gefühle zu finden sind und die ich lerne  öfter aufzuheben und Danke dafür zu sagen. Die Zeit vergeht so unglaublich schnell, es ist ein Suchen nach einem neuen Weg. Nach mir. Und es ist ein Finden.

 

Unverändert ist die Liebe zu meiner jüngeren Tochter. Ich kann sehen, wie schwer es für sie ist, ihre Schwester verloren zu haben und mitzuerleben, wie ich als Mutter auch noch eine andere geworden bin. Das muss man als junger Mensch erst mal aushalten. Das damit leben, ist nochmal eine ganz eigene Herausforderung. Da sind viele Fragen und nicht nur das. Jeder trauert in seiner Rolle anders, so nah beieinander,  manchmal so weit entfernt.  Ihr gebührt jeder Respekt und ich liebe sie sehr.

 

 „Haltung zeigen“ ….. ? Auch so. Heute, auf diese Art und sagen, wie es gerade ist.

 

 

Judith Machacek

 

 

1. Juli 2018

 

 

Die letzten 12 Monate habe ich viele Zeilen geschrieben. Man sollte glauben, es wären Zeilen der Trauer gewesen, stattdessen waren es viele die aus der einsetzenden Ohnmacht und Hilflosigkeit heraus entstanden. Das Schreiben hat mich Überleben lassen.Das Schreiben ist manchmal der einzige Weg, in Kontakt mit jemandem zu treten und Dinge zu benennen und zu hinterfragen, die man nicht versteht.

 

 

Das Benennen von dem, was ich fühle und erlebe, war und ist Teil meiner Persönlichkeit. Im Inhalt das letzte Jahr, auch Teil meines Traumas. Mein Kind wurde von einem auf den anderen Moment unschuldig aus dem Leben gerissen, in einem anderen Land, mit anderen Gesetzen. Wer glaubt, die Niederlande sind gleich gegenüber und so ließe sich die kleinste oder größte Frage leicht beantworten, und man wäre in europäischem Recht immer gut aufgehoben, der irrt gewaltig.

 

Schon oft war ich verleitet, das, was ich als Mutter die letzten 16 Monate erleben musste, öffentlich zu benennen. Man liest, das über Opfer schnell hinweggesehen wird. Jeder weiß es, aber kaum jemand tut etwas dagegen.. Man hört von der Nichtbeachtung, die Hinterbliebenen zuteil wird. „Man“ glaubt, das ist furchtbar und prallalel ist es für einen selbst so weit weg. Bis „man“ -  man selber ist. Ich.  

 

Papier ist ein guter Zuhörer. Worte, Punkte, Kommas und Leerstellen  sind in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann, ein gutes Gegenüber. Für mich. Sie wiedersprechen erstmal und für sich genommen nicht. Zeilen hinterfragen nicht (zugegeben ergibt sich dennoch ein Dialog beim erneuten Lesen und Überlesen und das ist gut so). Vor allem machen sie sich keine Sorgen um mich als Schreibende. Selbst meine Herkunftsfamilie, machte sich die größten Sorgen, das jemand Anstoß daran nehmen könnte, was ich in meiner Trauer und Hilflosigkeit schriftlich an Kritik äußern könnte. Mehr als berechtigter Kritik! Schon mehrmals hatte ich Texte für kurze Zeit hier auf meiner HP stehen, die ich wenige Stunden oder Tage später wieder löschte. Erst diese Woche. Die Angst der ANDEREN, dass jemand in einen kritischen oder unfairen Dialog mit mir gehen könnte, verunsicherte mch. Die Entscheidungen der NL ließen mich parallel zunehmend an meinem eigenen Verstand zweifeln. Ich selbst hatte diese Angst ursprünglich nie, jetzt steht sie leise an meiner Seite und geachtet dessen, verstumme ich nicht.

 

Viele in meinem Umfeld fanden es beachtlich, dass ich meinen Echt-Namen  in die Reportage der Süddeutschen Zeitung, am Tag vor Heilig Abend habe abdrucken lassen (Beitrag unten). Und ich gebe noch immer zurück: „Es ist die Geschichte meiner Tochter und meiner als Mutter. Auch die meiner zweiten Tochter, die auf eigenen Wunsch weitgehend außen vor bleiben möchte und das respektiere ich. Es sind meine Gedanken, Gefühle und meine Haltung zu der ich stehe und mit der ich etwas benennen und damit verändern möchte, dass so nicht bleiben darf, weil es unmenschlich ist und kaum auszuhalten. Warum in aller Welt, soll ich mich hinter einen anonymen Pseudonym verstecken?? Soll ich so sein, wie es viele andere tun, die für einen kurzen, oft kaum wirklich in die Tiefe überdachten Moment mit einem Kommentar aufschlagen, den die meisten mit ihrem Klarnamen und öffentlich nie wiederholen würden???“ Ich weigere mich!

 

Ich zeige mein Innerstes im Außen, in der Hoffnung „gehört“ zu werden. Vor allem, damit sich etwas verändern kann. In mir steckt ein tiefer Glaube, das das, was an Umgang, bzw. an Nicht-Umgang mit mir als verwaister Mutter stattfand, alles andere als in Ordnung war und noch immer nicht ist! Es hat damit zu tun, handlungsfähig bleiben zu wollen, irgendwie die Sprachlosigkeit aufzuheben,die sich zunehmend einstellen wollte. Mich nicht von den Umständen verschlucken lassen,, ob unmenschlicher Entscheidungen. Verstummung und Resignation sind keine hilfreichen Antworten, mit denen ich leben möchte. Ich kann es nicht.

 

Oft höre ich inzwischen:  „Und, was hat es dir gebracht?“ – oder „Wir wünschten, du würdest endlich Ruhe finden. Solange du dich mit diesen Ungerechtigkeiten beschäftigst, kommst du doch nie zur Ruhe.“ Ich weiß, es ist gut gemeint, aber was wäre das für eine Art von Ruhe und was für eine Qualität von Frieden?? Es hat nichts mit Festhalten wollen oder Aufgeben zu tun. Es hat etwas mit meinem Glauben daran zu tun, dass wir manchmal unbequeme Wege gehen müssen. Auch mit erneuten Enttäuschungen, wenn wir etwas verändern wollen von dem wir glauben, dass es Sinn macht. Nicht nur für uns, vor allem auch für Menschen, denen es ähnlich gehen wird wie uns. Auch um Anerkennung der Schmerzen von Menschen, die an ihren schwersten Verletzungen versterben. Es geht mir um einen besseren und sensibleren Umgang mit Hinterbliebenen, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Ich meine Tochter. Meine zweite Tochter ihre Schwester. Sie ist verwaiste Schwester, wie ich verwaiste Mutter bin, das macht etwas mit uns! Geschwisterkinder werden so oft und schnell übersehen! Sie leiden genauso.

 

Es fragte mich jemand, was meine Tochter Leonie dazu sagen würde, dass ich mich so verausgabe mit dem, was mich umtreibt und mit meinen Hoffnungen oder meinem Glauben, der doch scheinar kaum etwas bewegt. Sie würde das sicher nicht wollen?!“  Es war also keine Frage, sondern die Antwort kam gleich mit. Ich kann sicher sagen, dass meine Tochter, die ich innig liebe und die tief und fest in meinem Herzen lebt, mich genau so liebt, wie ich bin. Auch jetzt! Leonie hatte tiefsten Respekt für meine beruflcihe Arbeit, die oft in der Sterbebegleitung stattfand. Ebenso mit Menschen die durch belastende  Lebensumstände sprachlos wurden oder von jeher dazu anders waren. Die Kunst, das Wort, gemalt, geschrieben und oder  erdacht, war dabei das Medium des Ausdrucks. Wir bennanten das Gute ebenso wie das Schwere und allein das Aussprechen oder Hinausmalen veränderte die Gegenwart. Es geht um den Prozess, nicht nur um das, was daraus entsteht. Auch ein gewagter Anfang ist schon ein Teil des Weges. Und genaus dies tue ich für mich nun selbst auch.Wäre ich sonst authentisch? Lebe ich also einen Teil meines Berufes jetzt privat? Nein, ich bin ein Teil meines Berufes, In diesm arbeite ich vor allem als Mensch und nur darüber hinaus in meiner Funktion.

 

Es war mir ein Bedürfnis, diese Zeilen voranzuschicken für zukünftige, die tatsächliche Missstände benennen. Ich möchte meiner eigenen Unsicherhieit vorab etwas an die Seite stellen.

 

Judth Machacek

 

 

 

 

 

Februar 2018

 

 

Mit diesem öffentlichen Brief, ich schrieb ihn als verwaiste Mutter Anfang Juli 2017, habe ich versucht zu beschreiben, was ich empfinde, wenn Menschen an Unfallorten  filmen, fotografieren, gaffen oder ihre Hilfe verweigern. Egal, ob von der Presse oder privat.

 

Meine Tochter starb 2017 als Fußgängerin unschuldig bei einem schweren Verkehrsunfall. Sie war erst 20 Jahre alt. Es gab Ersthelfer, für die ich sehr, sehr dankbar bin und bei denen ich mich bedankt habe, soweit ich ihre Adressen herausfand. Und es gab die Menschen, deren Fotos schon online im Netz standen, als ich noch unwissend zuhause in Deutschland saß und nichts von dem Unfall meiner Tochter in Den Haag wusste. Gegen diese schockierende Gedankenlosigkeit kämpfe ich an.

 

Ich möchte, dass sich diese Menschen bewussst machen, was es bedeutet, als Mutter Bilder vom Unfall meines eigenen Kindes im Netz zu finden, datiert auf Momente und wenige Stunden nach dem Unfall. Ich möchte, dass Gaffer, Filmer, Presse, usw beginnen zu begreifen, dass solche Unfallbilder bei vielen Angehörigen jedesmal ein neues De ja vues auslösen. Für uns Angehörigen, die wir unser Kind, unseren Partner, einen Teil unserer Familie verloren haben, erinnern Fotos von demolierten Autos oder Unfallszenen erneut und erneut an das Sterben unserer Liebsten. Ich unterstelle keine Absicht, sondern Sensationsgier, Dummhit und/oder Gedankenlosigkeit.  Jeder Mensch hat diese niederen Instinkte. Und jeder Mensch hat die Wahl, diesen nachzugeben oder sich für die Würde seines Mitmenschen zu entscheiden! Es geht um die eigene Haltung, mit der wir uns gegenseitig begegnen!

 

Dieser Brief wurde Anlass zu einer einseitigen Reportage auf der "Seite 3" der Süddeutschen Zeitung am 23. Dezember 2017. Ich hoffe, dass diese Zeilen viele Menschen erreichen und berühren. Berührung ist in meinen Augen das, was etwas bewegen kann, auch wenn es viel leiser daherkommt als Sensationsnachrichten oder den Finger nur anonym auf andere zu richten.  

 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Journalistin Frau Karin Steinberger und der Süddeutschen Zeitung, die sich diesem wichtigen Thema gewidmet haben. Vor allem für den achtsamen, warmherzigen und professionellen Umgang mit mir in der ganzen Zeit der Dokumentation! Auch für das Achtgeben dabei, dass ich mich nicht überfordere und dem Blick auf seriöse Berichterstattung, ohne sensationsheischendes Aufpolieren. Mich haben diese otos und Videos, sehr getroffen, gerade weil ich bereits unter Schock stand. Dieses Gefühl weiterzugeben,hätte niemandem etwas gebracht. Stattdessen Anteilnahme erlauben und wissen lassen, was es mit mit Betroffenen macht - und damit das Herz eines Mesnchen zu berühren, statt seiner Abwehr . ist mir weit mehr wert! Vielleicht auch Ihnen?

 

http://gfx.sueddeutsche.de/apps/e408811/tablet/

 

Ich bedanke mich ebenso für die bemerkenswerten, handgeschriebenen Briefe, die mich dazu erreicht haben. Ich werde jedem antworten, auch wenn es etwas dauert. Ganz herzlichen Dank dafür. Ebenso für die Einträge auf Leonies Gedenkseite, auf die ich nicht antworten kann, die ich aber in meinem Herzen trage.  

 

„Stattdessen seid ihr da … – was für eine bittere Alternative!“

Ich meine euch Gaffer , Filmer, Fotografierer, Hilfsverweigerer. Wo auch immer ihr seid, unabhängig von Geschlecht, Bildung, Status und Nationalität. Für meine vor kurzem verstorbene Tochter schreib ich diese Zeilen, für die Toten vom Busunglück bei Münchberg und für all die Opfer und Angehörigen von Unglücken, die vielleicht genauso empfinden wie ich.

Vor einigen Wochen, wurde meine Tochter (20) als Fußgängerin von einem aus der Bahn gekommenen Auto getroffen. Sie stand in einem Nachbarland wartend an einer roten Ampel und freute sich auf einen Tag im Kunstmuseum. Nur Stunden später starb sie an ihren schwersten Verletzungen. Was hätt ich darum gegeben, in diesen Sekunden, und Minuten nach dem Unfall bei ihr sein zu können. Sie in meinen Armen zu halten, sie zu berühren und ihr noch einmal zu sagen, wie sehr ich sie liebe und schätze. Aber ich war viel zu weit weg. So, wie viele Angehörige bei Unglücken weit weg sind.

Stattdessen aber seid ihr da? Auf euch ist Verlass?

Ich will daran glauben, dass meine Tochter in ihren letzten bewussten Sekunden und Minuten die Menschen spürte und sah, die für sie da waren. Jene, die sich am Unfallort an ihre Seite knieten, sie erstversorgten und hielten. Vielleicht waren sie unsicher, hatten sie Angst oder waren gerade in Eile, sie halfen trotzdem. Ich las in einem Protokoll, dass es Menschen gab, die sich versichert hatten, dass Hilfe unterwegs war oder vor Ort geholfen wurde. Vielleicht gingen manche weiter und hatten dafür ein Gebet für sie oder einen guten Gedanken. Nichts anderes mag ich glauben, könnte ich nicht ertragen ….. .

Ich mag gar nicht daran denken, wenn Sie euch Gaffer als letztes wahrgenommen hätte! Mit ihren schwersten Verletzungen auf der Straße liegend, eurem ungenierten Blick, euren Handys und Kameras ausgesetzt zu sein. Wer von euch mag sich da hineinfühlen? Es entsetzt mich, dass ihr in der Lage seid, euren Blick in dieser Weise auf Menschen und Unfallorte zu richten, die so viel Leid innehaben. Das ihr euch an dem Schicksal anderer ergötzt und auch noch in der Lage seid, all das kurz darauf mit euren Nachbarn, Freunden und in sozialen Netzwerken zu teilen. Mit welcher Gesellschaft umgebt ihr euch, dass sie sich für solche Bilder interessiert? Macht es euch größer, wichtiger oder besonders, Urheber solcher Fotos und Filme zu sein? Ist euer eigenes Leben so langweilig und uninteressant, dass immer mehr von euch diesen Kick brauchen? Nur nah genug ran, nur schnell genug dabei, am Leid der anderen!

Vielleicht möchtet ihr mir sagen, dass ihr nur gaffen könnt, anstelle zu helfen, weil ihr das Leid oder den Tod nicht aushaltet? Aber fotografieren könnt ihr dasselbe dann schon? Ihr könnt kein Blut sehen, aber dies filmen, das geht? „Die andern machen es auch?“ Die anderen, wer soll das sein? Das seid auch immer ihr für euer Gegenüber! Im Netz gab es Fotos zu meiner Tochter, wie sie auf offener Straße reanimiert und notversorgt wurde. Ich sah das betroffene Gesicht der Notärztin, die wartende Motorradescorte, den Hubschrauber und vieles mehr. Ein Video wurde von einer Nachrichtenagentur eingestellt. Das anzusehen war sehr schwer. Niemand bereitete mich als Mutter auf solche Bilder vor, keiner fragte, ob ich damit einverstanden war, dass es sie gibt. Fotos, die das Sterben meiner Tochter dokumentierten. Fotos wissen in einem solchen Moment schon viel mehr als man selbst.

Als ich vor wenigen Tagen von dem Busunfall in Münchberg hörte, nur wenige Kilometer von mir weg - und dass Menschen in ihren Autos in den ersten Reihen saßen und rein gar nichts taten um den Verunfallten und Überlebenden zu helfen - das hat mich sprachlos gemacht! Das ist unglaublich, dass euch das gelingt. Das ist unmenschlich, zutiefst beschämend. Was seid ihr nur für Vorbilder für unsere Zukunft? Was ist da los mit eurem Herz, eurem Verstand, eurem Mitgefühl? Ist jede Scham in euch vergessen oder schämt ihr euch wenigstens zuhause?? Oder ist da gar kein Ort mehr in euch herangewachsen, der sich wahrhaft betroffen fühlen kann, bereit ist zu helfen und sei es mit einem guten Wort?

Das hätten eure Kinder, eure Eltern oder Angehörigen sein können! Es hättest auch DU sein können, der da um sein Leben ringt oder der gerade gestorben ist….. So etwas zu lesen oder zu hören, ist für mich in meiner aktuellen Situation, wie jedes Mal auf´s Neue ein bisschen mitsterben.

Und was ist mit euch Politikern los?? Müsst ihr erst euer Kind, euren Angehörigen durch einen Unfalltod verlieren, um zu begreifen? Mit 70€ Bearbeitung für das Klauen eines Kaugummis, wird in Geschäften strenger bestraft als das Überholen auf dem Seitentreifen mit 25 € bei einem Unfall. Gaffen für 82,50 € incl. einem Punkt, falls überhaupt umgesetzt? Wieso kostet das nicht pauschal jeweils 1000€ und Punkt? Handy, Kamera an Ort und Stelle weg! Kann man an Rettungsfahrzeugen Kameras installieren, die nachhaltig beweisen, wer den Rettungsengpass mitzuverantworten hat? Denn Fotos, mögt ihr Gaffer doch so gerne und das Recht am eigenen Bild, hat euch beim anderen noch nie interessiert! Erste Hilfe Auffrischungskurse müssten für Autofahrer ein Muss sein, alle 3 Jahre gegen Gebühr, damit es nachhaltig und finanzierbar ist. Führerscheinkontrolle? Bitte kurz die stabile Seitenlage mit zeigen! Wer Auto fährt, muss in der Lage sein zu helfen. Hilfe gibt es in unterschiedlichster Form! Wer es nicht kann oder nicht bereit dazu ist, ob man dem ein Auto geben sollte? Da gäbe es noch mehr….., vermutlich ebenso unsere eigenen Gesetze, die all die Möglichkeiten wieder aushebeln, denn unser Land ist doch ach so frei und überaus sozial…….. . Ach ja, ist es das?

Seid ihr Politiker und Richter euch bewusst, was ihr für Signale setzt, mit den bisherigen lächerlichen Strafen und dem Appelliren an die Moral?? Vielleicht noch Bewährung? Gaffer zeigen uns inzwischen täglich, dass sie nur noch wenig Moral, Feingefühl und Schamgefühl haben. Und ihre Tabus werden stündlich weniger. Wer in seiner Funktion Strafen und Bußgelder ausarbeitet und androht, ohne für die Möglichkeit der Umsetzung zu sorgen, macht sich unglaubwürdig und hält andere Köpfe zur Verantwortung hin. Das geht so nicht! Bußgelder müssen so hoch sein, dass sie die Nachverfolgung und Umsetzung möglich machen, zur Not mit Schaffung neuer Arbeitsplätze. Bußgelder könnten den Opfern zu Gute kommen. Das wir uns überhaupt Strafen ausdenken müssen, damit wir untereinander bereit sind Rettungsgassen zu bilden, Rettungsräume zu respektieren oder uns zur Hilfe am Nächsten verpflichtet fühlen, ist eine traurige und klare Botschaft. Waren wir nicht schon mal weiter?

Es geht mir um unsere Werte und unsere Haltung die wir leben! Wenn wir nicht respektvoll uns und anderen gegenüber sind, wer ist es dann? Ich wünsche mir, dass wir das Leben der Verunglückten mehr wertschätzen, Hilfe in jedem Maße zulassen und unterstützen, anstelle diese zu blockieren. Ich wünsche mir, dass wir die Würde und Scham der Unfallopfer, der Sterbenden und der Toten besser schützen.

Mein Kind lag an einem Fußgängerüberweg , schwerstverletzt. Andere verunfallten in Bussen oder in ihren Autos. Sie starb. Viele starben und sterben täglich an anderen Orten. Väter, Mütter, Söhne und Töchter. Partner, Geschwister ….. Wir Angehörigen konnten und können nicht rechtzeitig an diesen Orten sein, um unsere Lieben zu halten, sie zu berühren, ihnen zu sagen, wie sehr wir sie lieben, wie sehr wir sie brauchen oder - sie vermissen werden.

Aber ihr,

ihr, könntet das in Zukunft für uns tun. ………

Judith Machacek, Bayreuth