Haltung zeigen 

 

© Text Judith Machacek

 

 

Farbe bekennen

Gesicht zeigen

Authentisch sein

Mut haben

 

Hier finden Sie Texte, Erlebnisse und Gedanken, die mir wichtig sind zu teilen. Ich lebe in dieser, unserer Gesellschaft, wie immer diese auch jeder empfindet. Ich bin ein Teil davon und trage damit Verantwortung. Im Tun und im Unterlassen. In einem modernen Land wie dem unseren, ist inzwischen fast alles und jedes in Gesetze und Ordnungen verpackt. Die Verantwortung soll, wenns dicke kommt, am Besten der andere tragen, wer auch immer das ist. Eine Kommentargesellschaft, die sich mutig zu Wort meldet, allerdings oft nur aus der Anonymität heraus, das sind wir oft geworden. Das Zwischenmenschliche verliert sich mehr und mehr, das Füreinander einstehen und Mitgefühl scheint zu verkümmern. Ich glaube das es da ist, nach wie vor. Ich hoffe! Zu oft unbenannt, teils auch verloren,  auch dafür geschämt. Jedoch wiederbelebbar. Nur Reden, über Veränderungen nachdenken oder Kritik äußern reicht nicht.

 

Es zählt, was wir tun und auch, was wir bereit sind, von uns selbst zu zeigen.

 

 

 

 

 

 

11. Januar 2019

 

 

Wut

 

22 Monate sind vergangen seit dem Tod meiner Tochter. 22 Jahre war die Unfallfahrerin alt, als ihr Auto meine Tochter traf. Was geht da in einem vor, wenn man als Mutter an diesen Menschen denkt, der das eigene Kind getötet hat. „Getötet“ das klingt so hart, war es das?

 

Jemand hat aktiv das Steuer eines Autos gelenkt. Zu schnell auf nasser Fahrbahn, schlechtes Wetter, Überholen an einer bekannten Gefahrenstelle. 3 Fahrspuren teilten sich, reger Verkehr  Innerorts, kurz vor einer Fußgängerampel. Das  Heck des Unfallwagens  brach in einer langgestreckten Rechtskurve nach links aus, fuhr dabei mit dem linken Hinterrad auf eine Bordsteinkante und zog  im Anschluss nach rechts über zwei Fahrbahnen. Es wechselte die Fahrtrichtung und schlug mit der Fahrerseite direkt auf einer Fußgängerampel auf, deren Mast im 90Grad Winkel abknickte. Der Unfallwagen Totalschaden. Meine Tochter wurde als Fußgängerin durch den Aufprall schwerstverletzt. Zwei weitere Leichtverletzte, die ebenfalls neben ihr an der Ampel gestanden hatten. Die Unfallfahrerin kletterte unverletzt eigenständig über das Lenkrad nach oben aus dem Wagen. Ersthelfer hielten ihr die Tür nach oben auf. Mehrere Zeugenaussagen, die schriftlich zu Protokoll gaben, das das Auto zu schnell gewesen sei. „Es wäre bekannt, dass man an dieser Gefahrenstelle und bei solch einem Wetter nicht mit dieser Geschwindigkeit fahren dürfe. Das könne nicht gutgehen. “ Eine weitere Zeugenaussage im Protokoll zu einem Handy in der Hand der Unfallfahrerin. Es wurde für die Verhandlung nicht ausgelesen. Die Fahrerin berief sich mit ihrem Anwalt auf einen Blackout und auf „sich nicht  erinnern können.“ Einr Arzt im Krankenhaus konnte nicht bestätigen dass irgendetwas diese Version unterstützen würde.  Parallel zu ihrer Aussage auf der Wache, 3 Wochen nach dem Unfall, wurde mir durch eine Organisation das Angebot gemacht: „ein Zeichen des Mitgefühls von der Unfallverursacherin zu erhalten.“ Ich fragte, welches Zeichen sie für mich und Leonies Schwester hinterlegt hätte? Die Antwort wortwörtlich: „Keines es wäre nur ein Angebot, ich könne mir aussuchen, ob ich eine Karte, Blumen oder einen Brief möchte.“ Ich verzichtete in diesem Moment, mein Kind war noch nicht einmal unter der Erde, eine Rückführung und Bestattung dauert und ich wusste kaum etwas zum Unfall. Wie soll man im Schock darauf eingehen?  Eine solch standardisierte Auswahl erschien mir wenig glaubwürdig, daher verzichtete  ich vorerst darauf. Ich ließ der Unfallfahrerin ausrichten, dass ich wenn, nur ein persönliches Zeichen von ihr möchte und keines, was auf Anraten des Anwaltes entsteht. Ich hörte, sah und las nichts von ihr.

 

Der Richter entschied auf „eine Verkehrsbehinderung nach §5 des NL Verkehrsrechtes“.  Verkehrsbehinderung? Möchte mir dieser Richter in die Augen sehen, hat er die Unfallbilder angesehen und die Zeugenaussagen? Es ist mir nicht möglich, dies nachzuvollziehen. Ich verstehe nicht, dass keiner der 3 oder 4 Zeugen geladen wurde, die ihre Aussagen zu Protokoll gegeben hatten. Das Urteil am Amtsgericht in Den Haag lautete auf: 1000€ Bußgeld an eine soziale Einrichtung, auf Antrag auf 4x abzubezahlen. 6 Monate Fahrverbot. Es hieß später: dies nur, weil im Gericht festgestellt wurde, dass die Unfallfahrerin den Führerschein am Verhandlungstag noch nicht zurück hatte. Man hatte ihr diesen aufgrund der Alleinschuld am Unfall und dem Tod meines Kindes entzogen, die Polizei ging von Fahrlässiger Tötung aus. Der Führerschein ging am Verhandlungstag an sie zurück.

 

Bereue ich es, nicht dort gewesen zu sein? Ja und Nein. Ich war selbst nicht in der Lage an dieser Verhandlung teilzunehmen. Ich war mir sicher, nach Den Haag zu fahren, aber als ich erfuhr, dass die Verhandlung max. 1 Stunde dauern würde und keine Zeugen anwesend sein würden, hatte ich Angst vor einer weiteren Traumatisierung. Zu Recht. Der Staatsanwalt vertrat die Rechte meiner Tochter. Seine Ausführungen sollen lang und umfangreich gewesen sein. Was der Anwalt oder die Fahrerin ausgesagt haben? Ich habe nur gehört, dass die Fahrerin sich auf „Nicht erinnern können“ beruft und dass sie sich bereits mehrfach bei mir entschuldigt haben soll. Das war gelogen. Der Brief, den ich stellvertretend für meine Anwesenheit bei Gericht hatte schreiben dürfen, wurde nicht verlesen, auch kein Auszug davon. Der Richter soll dies damit begründet haben, dass die Ausführungen des Staatsanwaltes und des Verteidigers so umfangreich gewesen seien, dass leider keine Zeit mehr für die Zeilen der Mutter sei. Trotz Bitten der Opferhilfe, die uns erst 3 Wochen vor der Verhandlung konkret und viel zu spät zur Seite sprang, wurden meinen Gedanken zu meiner Tochter und dem Unfall keine Zeit eingeräumt. Und dies, obwohl die Opferhilfe angeblich Rederecht stellvertretend für mich beantragt hatte.

 

Ein Schmerzensgeld für Leonies schwerste Verletzungen wurde von der Versicherung abgelehnt mit der Begründung, dass ich den Anspruch darauf in den NL vor dem Tod meines Kindes hätte beantragen müssen. Ich fuhr zu meinem Kind das im Sterben lag, das war das einzige was ich tat und je getan hätte. Ich wollte glauben, dass sie leben kann, stattdessen starb sie. Hatte sie deswegen weniger Schmerzen? Kann dies jemand beurteilen oder ausschließen?

 

Eine Schock- oder Hinterbliebenenzuwendung als symbolische Unterstützung und Anerkennung für den erlittenen Schock und den Verlust, wie sie in Deutschland eingeführt wurde für Eltern, deren Kinder unschuldig bei einem Verkehrsunfall versterben, gab es in den NL nicht. Man begründete dies damit: dass es mir wenn überhaupt nur zustände, wenn ich den Unfall meiner Tochter mit eigenen Augen angesehen hätte. Das ich 800km entfernt, mit einer Zeitverzögerung von 7 Stunden erst vom Unfall meiner Tochter erfuhr und ich die erste Stunde danach niemanden erreichte, der mich nach Den Haag hätte fahren können, das zählt nicht. Über 2 Stunden unfähig,  für mich selbst,  ärztliche Unterstützung zu holen, da von der Polizei alleingelassen - zuhause auf Abholung zu warten, war ein Alptraum. 8 Stunden Fahrt bei strömendem Regen in der Nacht mit dem Wissen, dass ich vermutlich zu spät komme, um meine Tochter noch lebend anzutreffen, wurde in den NL von der Versicherung des Fahrzeughalters als nicht ausreichend anerkannt. Demzufolge wird auch allen Konsequenzen die solch ein Schock für die Hinterbliebenen mit sich bringt, nicht Rechnung getragen. Ich war fast ein Jahr nicht in der Lage zu arbeiten und kann dies seitdem aus gesundheitlichen Gründen nur noch in Teilzeit, anstelle wie vor dem Unfall in Vollzeit. Dafür haftet niemand. Der Richter nahm die Ausführungen meines Anwaltes dazu nicht in die Verhandlung auf. Er hätte die Möglichkeit gehabt, anders zu entscheiden als die Versicherung.

 

Für meine eigenen Behandlungen die im Zusammenhang mit dem Verlust meiner Tochter stehen, soll lt. der NL Versicherung die Deutsche Krankenversicherung aufkommen Die NL seien dafür nicht zuständig. Nun beginnen rechtliche Wege zwischen beiden Parteien. An mir geht auch dies gefühlt nicht spurlos vorbei.

 

Mit welchem Blick also begegne ich als Mutter dem Menschen, der die Verantwortung dafür trägt, dass meine Tochter gestorben ist. Mit all diesen Umständen. Ehrlich gesagt, weiß ich oft nicht wohin mit meiner Wut und meinem Schmerz. Ich habe mehr als 30 Briefe angefangen an die Unfallfahrerin. Und jeden einzelnen wieder abgebrochen, weil er mir zu hart, zu streng zu …..vorkam. Als das SWR Fernsehen einen kleinen Beitrag zu dem Thema „Gaffen“ aufnahm und auch das Bayerische Fernsehen, zum Thema „Trauma und Trost“ war diese Frage am Aufnahmetag präsent: Wie geht es mir mit dem Urteil und der Fahrerin. Ich sagte, was ich fühlte: das ich viele Anfänge gemacht hätte und dann an einem gewissen Punkt spüren würde, dass meine Zeilen voller Wut und Trauer sind und ich mich fragen würde, wie es meinen eigenen Kinder gehen würde, wären sie für den Tod eines anderen jungen Menschen verantwortlich und sie würden einen Brief wie meinen bekommen? Ich glaube, es würde ihnen sehr zusetzen. Daher habe ich bis heute keinen abgeschickt. Ich hatte die Vorstellung, dass es der Unfallfahrerin nicht gut gehen könne, dass sie ebenso verzweifelt sein könnte, wie ich, wenn auch anders. Das sie sich nicht trauen würde, nach meiner Tochter zu fragen, wer sie war oder wie es mir als Mutter oder Leonies Schwester mit all dem gehe. Ich fühlte mich in der Verantwortung, erwachsen zu sein und verstehen zu wollen und nachsichtig. Und ganz ehrlich….. ich kann es nicht. An manchen Tagen zerfrisst es mich. An manchen ganz besonders und ich schreibe dies, weil ich authentisch sein will, ehrlich und aufrichtig. Das sind Tage, an denen es mich hinzieht, die Seiten im Internet aufzuschlagen, auf denen aktuelle Fotos der jungen Frau zu sehen sind. Manchmal erzähle ich davon, dann fragen mich Menschen zurück: “Wieso tust du das, wenn es dir nicht gut tut?“ Als ob man das so einfach abstellen könnte, auch wenn man weiß, dass es sehr weh tut. Man hofft – ich hoffe, etwas zu sehen, das mich milde stimmt, das mich den Tod meines Kindes und all das, was sich seitdem in meinem Leben verändert hat, leichter nehmen lässt. Was ich finde ist genau das Gegenteil.

 

Wie fühlt es sich an, wenn man hört, dass im Gericht darum gebeten wurde, die 1000 Euro Bußgeld auf 4 Raten an eine soziale Einrichtung zahlen zu können? Es hört sich an, als müsste jemand rechnen. Ein junger Mensch, zuerst glaubwürdig. Und wie fühlt es sich an, wenn ich Seiten im Netz aufschlage und sehen muss, dass genau dieser junge Mensch in den letzten 18 Monaten Barcelona, Paris, Toronto, die Niagara Fälle, NewYork, Valencia und viele andere Orte bereist hat? Schicke Orte, teure Plätze, wie passt dies zu dem Bild, was im Gericht vermittelt worden war? Gereist ist Leonie auch sehr gerne, jedoch mit kleinem Budget und der Bahn oder per MItfahrtgelegenheit. Weitere Fotos mit Sekt und Törtchen in antiken Sesseln auf den Bildern, eines davon in einem 5*Nobel-Cafe am Stand von den Haag. Mein Kind war an genau diesem Strand in Scheveningen, nur einen Tag vor ihrem Tod, bei Regen und Kälte. Es war Leonies Traum, einmal das Meer dort zu sehen und das hat sie geschafft. Das letzte Foto von ihr, ein Selfie, das sie von sich machte und mir schickte. Der eine Mensch sitzt innen, der andere sieht von außen auf den gleichen Strand. Wenn ich auf das Datum des eingestellten Fotos sehe, kommt mir der Gedanke, zwei Menschen,  die sich vollkommen unbekannt einen Monat später treffen ohne es zu wissen. Der eine als Fußgänger um zu sterben, der andere als Unfallfahrerin, um weiterleben zu dürfen.  Ob sie  weiß, wie ähnlich sie meiner Tochter mit ihrer Liebe zu Reisen, Tee und der Liebe zum Wasser ist. Wäre mein Kind in der Lage gewesen, mit knapp 21 Jahren Fotos von sich ins Netz zu stellen, lachend und sich mit all diesen Dingen umgebend und das nur Wochen und wenige Monate, nach solch einem Unfall? Wissend, dass ich diese als Mutter in der Zeit von Internet und Co auch ansehen kann? Hier war Leonie anders.

 

Welche Strafe wäre für mich genug gewesen? Ich weiß es nicht. Genug?…… es gibt nichts, was das Leben meiner Tochter aufwiegen könnte. Wir hatten eine sehr enge Bindung, vielleicht auch, weil wir uns so ähnlich waren.  Leonie hat so gerne gelebt, sie hat dem Leben vertraut, trotz Ängsten, die jeder Mensch mal mehr, mal weniger im Laufe seines Lebens kennt. Sie hatte schon einige Hürden zu nehmen gehabt und doch war sie voller Perspektiven und den Menschen zugewandt. Leonie tauschte in Konstanz Stunden mit einem Flüchtlingsmädchen. Ein Projekt: Sprachkenntnisse gegen Ortskenntnisse. Sie erzählte mir davon und war so dankbar, selbst in Deutschland groß geworden zu sein und all die Möglichkeiten zu haben, die wir hier bei uns haben.

 

Was hätte mir geholfen? Es hätte mir gutgetan, wenn die Unfallfahrerin persönlichen Kontakt zu mir aufgenommen hätte. Wenn sie mich um ein Gespräch gebeten hätte oder sie mit ihren Eltern. Es hätte mir gut getan, wenn sie nach Leonie gefragt hätte, wer sie war und wie sie war. Es hätte mir gut getan, wenn sie sich erkundigt hätte, wie es mir als Mutter mit dem Verlust geht oder Leonies Schwester. Ein Brief von ihr ein Jahr später, denn ich wünschte mir Antwort auf die Frage, warum ihr Auto so aus der Bahn gekommen war. Ich wollte die wahren Gründe für den Unfall wissen und ich bin sicher, ich weiß ihn und finde ihn in den Zeugenaussagen wieder. Eine andere Wahrheit, als die im Gericht benannte. Was erwartete ich? Ich konnte nicht glauben, dass ein Mensch jede Verantwortung von sich wies. Doch es blieb dabei, „nicht erinnern können“ (wollen?) und  gefühlt viel Platz zwischen den Zeilen. MIr muss doch klar gewesen sein, dass nur das  in den Zeilen stehen konnte, das vor Gericht benannt wurde, anders darf es gar nicht sein. Aber man hofft, dass man etwas liest, was das Bauchgefühl glauben kann. Ich las und ich hoffte, "man" ist ein so feiges Wort. Es waren Zeilen nett geschrieben, zuerst atmete ich auf. Doch kurze Zeit später kam die Wut und sie blieb und ich musste erstmal herausfinden warum? Heute weiß ich, es waren Zeilen, ohne mit mir in Beziehung zu gehen, ohne wirkliche Antwort. Nichts, was greifbar für mich wäre, kein Wort der Unterstützung, obwohl bekannt geworden sein muss, mit was für Folgen wir zu kämpfen haben.  Ich glaube, ein so junger Mensch kann nicht erahnen, was es für eine Mutter bedeutet ihr Kind zu verlieren und wie mühsam es ist, wieder ins Leben zurück zu finden, das vollkommen anders als vorher sein wird. Ob sie es eines Tages versteht, wenn sie selbst Kinder hat? Als ich las, dass sie sich als Unfallfahrerin  seit Beginn an von der Opferhilfe NL bis heute gut begleitet fühlt, hat mir das nochmal einen Stich versetzt, so wie immer wieder welche dazukommen. Genau die Opferhilfe, nur eine andere Abteilung, die uns zur Seite hätte stehen sollen. Oder wenigstens  beiden Seiten. Wir haben so gut wie nichts von ihnen gesehen. Leonie ist das Opfer, das hat sterben müssen. Die Fahrerin ist Opfer ihres eigenen Fahrstils.

 

Schreibe ich ihr noch? Und wenn, mit welcher Erwartung? Kann ich schreiben ohne etwas zu erwarten? Wie viel von meinen Gefühlen kann ich ihr zumuten und wie geht es mir, wenn ich keine Antwort erhalte? Ich dachte immer, wenn ich endlich Zeilen zu Ende schreibe und sie abschicke, geht es mir besser. Die Befürchtung wird langsam zur Gewissheit, das ist eine Illusion. Es macht meinen Schmerz nicht leichter, nimmt mir nichts von meiner Trauer. Meine Wut hat doch gar kein Gegenüber, das mit mir in einen offenen Austausch geht. Sonst hätte sie es angeboten. Eine Stimme meldet sich in mir: du bist älter, weiser, du musst das verstehen, sie ist jung. So jung wie deine Töchter. Eine andere Stimme kommt dazu die sagt: du bist vor allem Mutter und du hast dein Kind verloren. Du hast ein Recht auf deine Wut und deine Fragen, du darfst sie weitergeben. So wie du den Verlust von Leonie aushalten musst, muss die Unfallfahrerin ihre Schuld aushalten und auch die Konsequenzen.

 

Ich suchte nach dem kleinsten Nenner für meine Gedanken und Gefühle, den ich mit meiner Haltung und dem was in mir vorgeht, verantworten kann. Hier ist vielleicht nicht der beste Ort, sie zu teilen. Geachtet dessen ist es ein Ort an dem inzwischen einige Menschen mitlesen und mit mir darüber sprechen. Teilhabe erleichtert. Darf ich öffentlich schreiben, wie es mir mit dem Menschen geht, der den Tod meines Kindes zu verantworten hat und der sich mir nicht wirklich zeigt? Durch den sich mein beruflicher Alltag und auch meine Existenz verändert haben? Der Ängste in mein Leben hineingetragen hat, die mich seit dem Tod meines Kindes begleiten? Ganz zu schweigen von gesundheitlich massiv einschränkenden Umständen..Und das mal 2, denn mene jüngere Tochter ist ebenso verwaist. 

 

Ja, ich glaube, das darf ich, weil der andere Mensch die gleiche Öffentlichkeit wissen lässt, wie angenehm - zumindest im Außen, sein Leben weitergeht. Für die einen so, für die anderen, anders. Welcher Weg davon ist besser, gibt es eine Wahrheit? Es sind unterschiedliche Wege. Eine absolute Wahrheit, gibt es nicht.

 

Judith Machacek

 

 

 

 

Heilig Abend 2018

 

Ich danke dem Bayerischen Fernsehen  (Frau Kammhuber, Herrn Hauswald und Team) für den sensiblen Beitrag zum Thema "Traumabewältigung durch Kunst", Ende November in der Sendung „Stationen“. In  5 Minuten Sendezeit, passt nur das Wesentlichste hinein. Eins davon ist mein Wunsch, auch nach Leonies Tod, eine Mutter mit zwei Kindern zu bleiben.

 

Meine jüngere Tochter steht mit mir im Leben, meine ältere Tochter Leonie trage ich seit letztem Jahr tief in meinem Herzen.  Ich kann über beide sprechen.  Man darf mich auch zu Leonie fragen. Meine Tränen, wenn sie kommen, werde ich aushalten.

 

Diesen Monat bekam ich 3 selbstgemachte Baumanhänger geschenkt mit den Worten: „Einer für deine Tochter L., einer für dich und einer für Leonie. Ich habe den Beitrag im BR3 gesehen und verstanden.“

 

Ich danke dir liebe B., für diese schöne und mutige Geste.

 

 

Judith Machacek

 

 

 

 

 

14. Dezember 2018 

 

 

Sehnsucht

 

 

Rauhreif auf den Dächern,

der Morgen dämmert im Grau.

Seele trägt dünnes Kleid,

Herz steht am Fenster und weint.

 

Sehnsucht lehnt sich zum Himmel,

sucht ein Zeichen von dir.

Vermisst dich,

liebt dich,

so sehr.

 

In mir brennt Schmerz,

wie Lichter im Advent.

Aushalten,

Weiteratmen.

Ich weiß, es geht vorbei.

 

 

Judith Machacek

 

 

 

 

 

23. November 2018

 

Vereniging Verkeersslachtoffers, Amsterdam

 

Gedenktag für die Verkehrsopfer in den Niederlanden 18. September
Zum Gedenktag der Verkehrstoten weltweit, 18. November, legte die Vereinigung für Verkehrsopfer in den NL, zwei Rosen auf einen Stuhl für Leonie

 

 

Vor kurzem bekam ich Post per Email aus den Niederlanden. Ich hatte mich diesen Sommer an die Vereinigung der Verkehrsopfer in den Niederlanden (Vereniging Verkeersslachtoffers) gewandt, als ich las, dass diese Organisation sich seit Jahren dafür einsetzt, die Opfer von Verkerhrsunfällen mehr zu würdigen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, diese oder die Angehörigen der Gestorbenen zu Wort kommen zu lassen. Zu unterstützen, wenn Hlfe gebraucht wird. Leider sgte mir niemand, dass es diese Organisation gibt, wir hätten dringend Unterstützung gebraucht. Hier können die Betroffenen zudem ihre Geschichte erzählen, damit sich etwas im Umgang mit Verkehrsopfern und Hinterbliebenen verbessern kann. 

 

Ich bekam dieses Foto mit den Zeilen, dass Leonie zu Ehren, symbolisch am 19. September, dem Edward Day - (der Europäische Tag ohne Verkehrstote), ein leerer Stuhl für sie aufgestellt wurde. Und nun ein zweites, an dem für Leonie am weltweiten Gedenktag, zwei Rosen auf einen leeren Stuhl gelegt wurden. Damit ihr Leid zumindest hier anerkannt wird und um sie als Mensch zu würdigen. Auch, um auf die vielen Verkehrstoten jedes Jahr aufmerksam zu machen und dem oft zweifelhaften Umgang mit ihnen. 

 

Ich bin tief berührt und freue mich über diese unerwarteten Herzensgesten sehr! 

 

Ich danke der "Vereniging Verkeersslachtoffers" mit Sitz in Amsterdam. 

 

 

 

 

 

30. Juli 2018

 

Wo bleiben jetzt die Zeilen, die weiter mutig benennen wollten, was mich wütend macht und traurig und fassungslos und…….. . Es gibt sie, noch immer, sie sind nicht weg und ich bin so müde gerade. Ich habe im Schreiben gelernt, das Texte ruhen müssen, dass sie Zeit zum Reifen brauchen und man Dingen und Menschen auch eine Chance geben muss zu reagieren, auch wenn es lange dauert. Und da gibt es noch immer ein paar Briefe, in denen ich mich bedanken möchte, auf die ich antworten will und auch dazu bin ich gerade zu müde.

 

Vorgestern war ich beim Treffen der Verwaisten Eltern in unserer Stadt. Es hat mir gut getan. Gut getan, wieder auf Menschen zu treffen, die das gleiche erlebt haben wie ich, die Zeiten hatten und immer wieder haben, in denen sie ebenso am ihrem eigenen Verstand zweifelten und zweifeln wie ich. Da gibt es die gleiche Wut, die gleiche Ohnmacht, wie ich sie spüren kann und ebenso das Suchen nach dem, was uns überleben lässt als Eltern. Mein Zeitgedächtnis, ist miserabel, meine Wortfindungsprobleme stören dort niemanden, das ich fünf Minuten später das Gleiche nochmal erzähle und dafür vergesse zu benennen wonach gefragt war, kennt jeder.  Ich dagegen kenne mich selbst gerade nicht wieder. Ich war doch schon mal weiter.

 

Solche Phasen sind schwer auszuhalten, man möchte „es“ doch schaffen, wieder verlässlich funktionieren, „es“ im Griff haben. Man=Ich.  „ES“ – die Erwartungen meiner Umwelt, der Gesellschaft, auch meine eigenen an mich. Da spricht dann auch aus mir die lang Alleinerziehende Mutter, die wieder Arbeitende, die, die Verantwortung trägt, die wieder ins Bild passen will.  Auf der anderen Seite steht der trauernde Teil, der mit dem Tempo nicht mithalten kann, sich überfordert fühlt. . Es fühlt sich an wie ein inneres Tauziehen. Im Außen nur selten zu erkennen. Eine Gratwanderung mit dem, was ich tun muss, um unsere Existenz zu sichern und das mit eigenen, gefühlten Unzulänglichkeiten. Ist Trauer eine Unzulänglichkeit? Nein, sie bringt jedoch Fehlbarkeiten mit sich und Handlungsunfähigkeiten, ein deutlich vermindertes eigenes Tempo. Vor allem ganz viel Verwirrung, die ich das eine um das andere Mal auch nach außen trage.

 

Trauer ist nicht gleich nur Stillstand, ist nicht gleich das Aberkennen der Realität oder ein „mich verweigern wollen“. Meine Trauer ist lebendig, was nicht heißt, das sie besser wird oder lächelt. Sie besteht aus Erinnerungen, aus Bildern und Worten, schön wie schwer. Sie bringt das Aufgeben  von Zukunftsträumen mit sich, die nicht mehr wie gedacht stattfinden können, weil ein so wichtiger Mensch nicht mehr da ist und auch wir, die wir weiterleben dürfen, andere geworden sind.  Mich kostet es unglaublich viel Mut, wieder an Gutes zu glauben, Schönes zu erleben, neue Träume zu entwerfen. Denn wie schnell können sie dahin sein, kann man sie verlieren und verloren hab ich doch schon soviel. Das Entwerfen einer unbekannten Zukunft kostet viel Kraft, wenn man sich nach Sicherheit sehnt. Meiner jüngeren Tochter fällt das sehr schwer mitanzusehen. Gerade jetzt bräuchte sie ein stabiles Gegenüber, an dem man ablesen kann, das alles wieder ins Lot kommt.

 

Trauer ist ein Zustand, kein einzelnes Gefühl. Meine hat Sehnsucht  UND Hoffnung. Ich fühle mich sicher, wenn ich alleine bin UND ich fühle mich sicher, wenn jemand da ist. Klingt wie ein Widerspruch, ist es nicht. Ich freue mich, dass ich wieder stundenweise arbeiten kann UND es gibt Tage, da denke ich am Morgen, hoffentlich schaffe ich das.  Es gibt ganz viele „und`s“ – es gibt nicht nur dies oder das. Mich über eine Einladung freuen können, Hoffnung haben, etwas plötzlich ohne Grund verschenken zu wollen und zu können, das sind die Päckchen die am Wegesrand meiner oft so ambivalenten Gefühle zu finden sind und die ich lerne  öfter aufzuheben und Danke dafür zu sagen. Die Zeit vergeht so unglaublich schnell, es ist ein Suchen nach einem neuen Weg. Nach mir. Und es ist ein Finden.

 

Unverändert ist die Liebe zu meiner jüngeren Tochter. Ich kann sehen, wie schwer es für sie ist, ihre Schwester verloren zu haben und mitzuerleben, wie ich als Mutter auch noch eine andere geworden bin. Das muss man als junger Mensch erst mal aushalten. Das damit leben, ist nochmal eine ganz eigene Herausforderung. Da sind viele Fragen und nicht nur das. Jeder trauert in seiner Rolle anders, so nah beieinander,  manchmal so weit entfernt.  Ihr gebührt jeder Respekt und ich liebe sie sehr.

 

 „Haltung zeigen“ ….. ? Auch so. Heute, auf diese Art und sagen, wie es gerade ist.

 

 

Judith Machacek

 

 

1. Juli 2018

 

 

Die letzten 12 Monate habe ich viele Zeilen geschrieben. Man sollte glauben, es wären Zeilen der Trauer gewesen, stattdessen waren es viele die aus der einsetzenden Ohnmacht und Hilflosigkeit heraus entstanden. Das Schreiben hat mich Überleben lassen.Das Schreiben ist manchmal der einzige Weg, in Kontakt mit jemandem zu treten und Dinge zu benennen und zu hinterfragen, die man nicht versteht.

 

Das Benennen von dem, was ich fühle und erlebe, war und ist Teil meiner Persönlichkeit. Im Inhalt das letzte Jahr, auch Teil meines Traumas. Mein Kind wurde von einem auf den anderen Moment unschuldig aus dem Leben gerissen, in einem anderen Land, mit anderen Gesetzen. Wer glaubt, die Niederlande sind gleich gegenüber und so ließe sich die kleinste oder größte Frage leicht beantworten, und man wäre in europäischem Recht immer gut aufgehoben, der irrt gewaltig.

 

Schon oft war ich verleitet, das, was ich als Mutter die letzten 16 Monate erleben musste, öffentlich zu benennen. Man liest, das über Opfer schnell hinweggesehen wird. Jeder weiß es, aber kaum jemand tut etwas dagegen.. Man hört von der Nichtbeachtung, die Hinterbliebenen zuteil wird. „Man“ glaubt, das ist furchtbar und prallalel ist es für einen selbst so weit weg. Bis „man“ -  man selber ist. Ich.  

 

Papier ist ein guter Zuhörer. Worte, Punkte, Kommas und Leerstellen  sind in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann, ein gutes Gegenüber. Für mich. Sie wiedersprechen erstmal und für sich genommen nicht. Zeilen hinterfragen nicht (zugegeben ergibt sich dennoch ein Dialog beim erneuten Lesen und Überlesen und das ist gut so). Vor allem machen sie sich keine Sorgen um mich als Schreibende. Selbst meine Herkunftsfamilie, machte sich die größten Sorgen, das jemand Anstoß daran nehmen könnte, was ich in meiner Trauer und Hilflosigkeit schriftlich an Kritik äußern könnte. Mehr als berechtigter Kritik! Schon mehrmals hatte ich Texte für kurze Zeit hier auf meiner HP stehen, die ich wenige Stunden oder Tage später wieder löschte. Erst diese Woche. Die Angst der ANDEREN, dass jemand in einen kritischen oder unfairen Dialog mit mir gehen könnte, verunsicherte mch. Die Entscheidungen der NL ließen mich parallel zunehmend an meinem eigenen Verstand zweifeln. Ich selbst hatte diese Angst ursprünglich nie, jetzt steht sie leise an meiner Seite und geachtet dessen, verstumme ich nicht.

 

Viele in meinem Umfeld fanden es beachtlich, dass ich meinen Echt-Namen  in die Reportage der Süddeutschen Zeitung, am Tag vor Heilig Abend habe abdrucken lassen (Beitrag unten). Und ich gebe noch immer zurück: „Es ist die Geschichte meiner Tochter und meiner als Mutter. Auch die meiner jüngeren Tochter, die auf eigenen Wunsch weitgehend außen vor bleiben möchte und das respektiere ich. Es sind meine Gedanken, Gefühle und meine Haltung zu der ich stehe und mit der ich etwas benennen und damit verändern möchte, dass so nicht bleiben darf, weil es unmenschlich ist und kaum auszuhalten. Warum in aller Welt, soll ich mich hinter einen anonymen Pseudonym verstecken?? Soll ich so sein, wie es viele andere tun, die für einen kurzen, oft kaum wirklich in die Tiefe überdachten Moment mit einem Kommentar aufschlagen, den die meisten mit ihrem Klarnamen und öffentlich nie wiederholen würden???“ Ich weigere mich!

 

Ich zeige mein Innerstes im Außen, in der Hoffnung „gehört“ zu werden. Vor allem, damit sich etwas verändern kann. In mir steckt ein tiefer Glaube, das das, was an Umgang, bzw. an Nicht-Umgang mit mir als verwaister Mutter stattfand, alles andere als in Ordnung war und noch immer nicht ist! Es hat damit zu tun, handlungsfähig bleiben zu wollen, irgendwie die Sprachlosigkeit aufzuheben,die sich zunehmend einstellen wollte. Mich nicht von den Umständen verschlucken lassen, ob gefühlt unmenschlicher Entscheidungen. Verstummung und Resignation sind keine hilfreichen Antworten, mit denen ich leben möchte. Ich kann es nicht.

 

Oft höre ich inzwischen:  „Und, was hat es dir gebracht?“ – oder „Wir wünschten, du würdest endlich Ruhe finden. Solange du dich mit diesen Ungerechtigkeiten beschäftigst, kommst du doch nie zur Ruhe.“ Ich weiß, es ist gut gemeint, aber was wäre das für eine Art von Ruhe und was für eine Qualität von Frieden?? Es hat nichts mit Festhalten wollen oder Aufgeben zu tun. Es hat etwas mit meinem Glauben daran zu tun, dass wir manchmal unbequeme Wege gehen müssen. Auch mit erneuten Enttäuschungen, wenn wir etwas verändern wollen von dem wir glauben, dass es Sinn macht. Nicht nur für uns, vor allem auch für Menschen, denen es ähnlich gehen wird wie uns. Auch um Anerkennung der Schmerzen von Menschen, die an ihren schwersten Verletzungen versterben. Es geht mir um einen besseren und sensibleren Umgang mit Hinterbliebenen, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Ich meine Tochter. Meine zweite Tochter ihre Schwester. Sie ist verwaiste Schwester, wie ich verwaiste Mutter bin, das macht etwas mit uns! Geschwisterkinder werden so oft und schnell übersehen! Sie leiden genauso.

 

Es fragte mich jemand, was meine Tochter Leonie dazu sagen würde, dass ich mich so verausgabe mit dem, was mich umtreibt und mit meinen Hoffnungen oder meinem Glauben, der doch scheinar kaum etwas bewegt. Sie würde das sicher nicht wollen?!“  Es war also keine Frage, sondern die Antwort kam gleich mit. Ich kann sicher sagen, dass meine Tochter, die ich innig liebe und die tief und fest in meinem Herzen lebt, mich genau so liebt, wie ich bin. Auch jetzt! Leonie hatte tiefsten Respekt für meine beruflcihe Arbeit, die oft in der Sterbebegleitung stattfand. Ebenso mit Menschen die durch belastende  Lebensumstände sprachlos wurden oder von jeher dazu anders waren. Die Kunst, das Wort, gemalt, geschrieben und oder  erdacht, war dabei das Medium des Ausdrucks. Wir bennanten das Gute ebenso wie das Schwere und allein das Aussprechen oder Hinausmalen veränderte die Gegenwart. Es geht um den Prozess, nicht nur um das, was daraus entsteht. Auch ein gewagter Anfang ist schon ein Teil des Weges. Und genaus dies tue ich für mich nun selbst auch.Wäre ich sonst authentisch? Lebe ich also einen Teil meines Berufes jetzt privat? Nein, ich bin ein Teil meines Berufes, In diesm arbeite ich vor allem als Mensch und nur darüber hinaus in meiner Funktion.

 

Es war mir ein Bedürfnis, diese Zeilen voranzuschicken für zukünftige, die tatsächliche Missstände benennen. Ich möchte meiner eigenen Unsicherhieit vorab etwas an die Seite stellen.

 

Judth Machacek

 

 

 

 

 

Februar 2018

 

 

Mit diesem öffentlichen Brief, ich schrieb ihn als verwaiste Mutter Anfang Juli 2017, habe ich versucht zu beschreiben, was ich empfinde, wenn Menschen an Unfallorten  filmen, fotografieren, gaffen oder ihre Hilfe verweigern. Egal, ob von der Presse oder privat.

 

Meine Tochter starb 2017 als Fußgängerin unschuldig bei einem schweren Verkehrsunfall. Sie war erst 20 Jahre alt. Es gab Ersthelfer, für die ich sehr, sehr dankbar bin und bei denen ich mich bedankt habe, soweit ich ihre Adressen herausfand. Und es gab die Menschen, deren Fotos schon online im Netz standen, als ich noch unwissend zuhause in Deutschland saß und nichts von dem Unfall meiner Tochter in Den Haag wusste. Gegen diese schockierende Gedankenlosigkeit kämpfe ich an.

 

Ich möchte, dass sich diese Menschen bewussst machen, was es bedeutet, als Mutter Bilder vom Unfall meines eigenen Kindes im Netz zu finden, datiert auf Momente und wenige Stunden nach dem Unfall. Ich möchte, dass Gaffer, Filmer, Presse, usw beginnen zu begreifen, dass solche Unfallbilder bei vielen Angehörigen jedesmal ein neues De ja vues auslösen. Für uns Angehörigen, die wir unser Kind, unseren Partner, einen Teil unserer Familie verloren haben, erinnern Fotos von demolierten Autos oder Unfallszenen erneut und erneut an das Sterben unserer Liebsten. Machen diese Fotos etwas besser? Verändern sie etwas in unserer Welt, das diese bereichert? Es reicht doch auch ein Symbolbild! 

 

(Nachtrag)

Was wäre wenn...... - in der Öffentlichkeit nur noch Symbolbilder veröffentlicht werden dürften und keine Originale oder Live-Fotos mehr, von Unfallorten mit Verletzten und Toten? Ich bin sicher, die Gier nach diesen Fotos und die Sensationslust - möglichst nah am Geschehen zu sein, würde nachlassen! 

 

Dieser Brief wurde Anlass zu einer einseitigen Reportage auf der "Seite 3" der Süddeutschen Zeitung am 23. Dezember 2017. Ich hoffe, dass diese Zeilen viele Menschen erreichen und berühren. Berührung ist in meinen Augen das, was etwas bewegen kann, auch wenn es viel leiser daherkommt als Sensationsnachrichten oder den Finger nur anonym auf andere zu richten.  

 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Journalistin Frau Karin Steinberger und der Süddeutschen Zeitung, die sich diesem wichtigen Thema gewidmet haben. Vor allem für den achtsamen, warmherzigen und professionellen Umgang mit mir in der ganzen Zeit der Dokumentation! Auch für das Achtgeben dabei, dass ich mich nicht überfordere und dem Blick auf seriöse Berichterstattung, ohne sensationsheischendes Aufpolieren. Mich haben diese otos und Videos, sehr getroffen, gerade weil ich bereits unter Schock stand. Dieses Gefühl weiterzugeben,hätte niemandem etwas gebracht. Stattdessen Anteilnahme erlauben und wissen lassen, was es mit mit Betroffenen macht - und damit das Herz eines Mesnchen zu berühren, statt seiner Abwehr . ist mir weit mehr wert! Vielleicht auch Ihnen?

 

http://gfx.sueddeutsche.de/apps/e408811/tablet/

 

Ich bedanke mich ebenso für die bemerkenswerten, handgeschriebenen Briefe, die mich dazu erreicht haben. Ich werde jedem antworten, auch wenn es etwas dauert. Ganz herzlichen Dank dafür. Ebenso für die Einträge auf Leonies Gedenkseite, auf die ich nicht antworten kann, die ich aber in meinem Herzen trage.  

 

 

 

 

 

 

„Stattdessen seid ihr da … – was für eine bittere Alternative!“

Ich meine euch Gaffer , Filmer, Fotografierer, Hilfsverweigerer. Wo auch immer ihr seid, unabhängig von Geschlecht, Bildung, Status und Nationalität. Für meine vor kurzem verstorbene Tochter schreib ich diese Zeilen, für die Toten vom Busunglück bei Münchberg und für all die Opfer und Angehörigen von Unglücken, die vielleicht genauso empfinden wie ich.

Vor einigen Wochen, wurde meine Tochter (20) als Fußgängerin von einem aus der Bahn gekommenen Auto getroffen. Sie stand in einem Nachbarland wartend an einer roten Ampel und freute sich auf einen Tag im Kunstmuseum. Nur Stunden später starb sie an ihren schwersten Verletzungen. Was hätt ich darum gegeben, in diesen Sekunden, und Minuten nach dem Unfall bei ihr sein zu können. Sie in meinen Armen zu halten, sie zu berühren und ihr noch einmal zu sagen, wie sehr ich sie liebe und schätze. Aber ich war viel zu weit weg. So, wie viele Angehörige bei Unglücken weit weg sind.

Stattdessen aber seid ihr da? Auf euch ist Verlass?

Ich will daran glauben, dass meine Tochter in ihren letzten bewussten Sekunden und Minuten die Menschen spürte und sah, die für sie da waren. Jene, die sich am Unfallort an ihre Seite knieten, sie erstversorgten und hielten. Vielleicht waren sie unsicher, hatten sie Angst oder waren gerade in Eile, sie halfen trotzdem. Ich las in einem Protokoll, dass es Menschen gab, die sich versichert hatten, dass Hilfe unterwegs war oder vor Ort geholfen wurde. Vielleicht gingen manche weiter und hatten dafür ein Gebet für sie oder einen guten Gedanken. Nichts anderes mag ich glauben, könnte ich nicht ertragen ….. .

Ich mag gar nicht daran denken, wenn Sie euch Gaffer als letztes wahrgenommen hätte! Mit ihren schwersten Verletzungen auf der Straße liegend, eurem ungenierten Blick, euren Handys und Kameras ausgesetzt zu sein. Wer von euch mag sich da hineinfühlen? Es entsetzt mich, dass ihr in der Lage seid, euren Blick in dieser Weise auf Menschen und Unfallorte zu richten, die so viel Leid innehaben. Das ihr euch an dem Schicksal anderer ergötzt und auch noch in der Lage seid, all das kurz darauf mit euren Nachbarn, Freunden und in sozialen Netzwerken zu teilen. Mit welcher Gesellschaft umgebt ihr euch, dass sie sich für solche Bilder interessiert? Macht es euch größer, wichtiger oder besonders, Urheber solcher Fotos und Filme zu sein? Ist euer eigenes Leben so langweilig und uninteressant, dass immer mehr von euch diesen Kick brauchen? Nur nah genug ran, nur schnell genug dabei, am Leid der anderen!

Vielleicht möchtet ihr mir sagen, dass ihr nur gaffen könnt, anstelle zu helfen, weil ihr das Leid oder den Tod nicht aushaltet? Aber fotografieren könnt ihr dasselbe dann schon? Ihr könnt kein Blut sehen, aber dies filmen, das geht? „Die andern machen es auch?“ Die anderen, wer soll das sein? Das seid auch immer ihr für euer Gegenüber! Im Netz gab es Fotos zu meiner Tochter, wie sie auf offener Straße reanimiert und notversorgt wurde. Ich sah das betroffene Gesicht der Notärztin, die wartende Motorradescorte, den Hubschrauber und vieles mehr. Ein Video wurde von einer Nachrichtenagentur eingestellt. Das anzusehen war sehr schwer. Niemand bereitete mich als Mutter auf solche Bilder vor, keiner fragte, ob ich damit einverstanden war, dass es sie gibt. Fotos, die das Sterben meiner Tochter dokumentierten. Fotos wissen in einem solchen Moment schon viel mehr als man selbst.

Als ich vor wenigen Tagen von dem Busunfall in Münchberg hörte, nur wenige Kilometer von mir weg - und dass Menschen in ihren Autos in den ersten Reihen saßen und rein gar nichts taten um den Verunfallten und Überlebenden zu helfen - das hat mich sprachlos gemacht! Das ist unglaublich, dass euch das gelingt. Das ist unmenschlich, zutiefst beschämend. Was seid ihr nur für Vorbilder für unsere Zukunft? Was ist da los mit eurem Herz, eurem Verstand, eurem Mitgefühl? Ist jede Scham in euch vergessen oder schämt ihr euch wenigstens zuhause?? Oder ist da gar kein Ort mehr in euch herangewachsen, der sich wahrhaft betroffen fühlen kann, bereit ist zu helfen und sei es mit einem guten Wort?

Das hätten eure Kinder, eure Eltern oder Angehörigen sein können! Es hättest auch DU sein können, der da um sein Leben ringt oder der gerade gestorben ist….. So etwas zu lesen oder zu hören, ist für mich in meiner aktuellen Situation, wie jedes Mal auf´s Neue ein bisschen mitsterben.

Und was ist mit euch Politikern los?? Müsst ihr erst euer Kind, euren Angehörigen durch einen Unfalltod verlieren, um zu begreifen? Mit 70€ Bearbeitung für das Klauen eines Kaugummis, wird in Geschäften strenger bestraft als das Überholen auf dem Seitentreifen mit 25 € bei einem Unfall. Gaffen für 82,50 € incl. einem Punkt, falls überhaupt umgesetzt? Wieso kostet das nicht pauschal jeweils 1000€ und Punkt? Handy, Kamera an Ort und Stelle weg! Kann man an Rettungsfahrzeugen Kameras installieren, die nachhaltig beweisen, wer den Rettungsengpass mitzuverantworten hat? Denn Fotos, mögt ihr Gaffer doch so gerne und das Recht am eigenen Bild, hat euch beim anderen noch nie interessiert! Erste Hilfe Auffrischungskurse müssten für Autofahrer ein Muss sein, alle 3 Jahre gegen Gebühr, damit es nachhaltig und finanzierbar ist. Führerscheinkontrolle? Bitte kurz die stabile Seitenlage mit zeigen! Wer Auto fährt, muss in der Lage sein zu helfen. Hilfe gibt es in unterschiedlichster Form! Wer es nicht kann oder nicht bereit dazu ist, ob man dem ein Auto geben sollte? Da gäbe es noch mehr….., vermutlich ebenso unsere eigenen Gesetze, die all die Möglichkeiten wieder aushebeln, denn unser Land ist doch ach so frei und überaus sozial…….. . Ach ja, ist es das?

Seid ihr Politiker und Richter euch bewusst, was ihr für Signale setzt, mit den bisherigen lächerlichen Strafen und dem Appelliren an die Moral?? Vielleicht noch Bewährung? Gaffer zeigen uns inzwischen täglich, dass sie nur noch wenig Moral, Feingefühl und Schamgefühl haben. Und ihre Tabus werden stündlich weniger. Wer in seiner Funktion Strafen und Bußgelder ausarbeitet und androht, ohne für die Möglichkeit der Umsetzung zu sorgen, macht sich unglaubwürdig und hält andere Köpfe zur Verantwortung hin. Das geht so nicht! Bußgelder müssen so hoch sein, dass sie die Nachverfolgung und Umsetzung möglich machen, zur Not mit Schaffung neuer Arbeitsplätze. Bußgelder könnten den Opfern zu Gute kommen. Das wir uns überhaupt Strafen ausdenken müssen, damit wir untereinander bereit sind Rettungsgassen zu bilden, Rettungsräume zu respektieren oder uns zur Hilfe am Nächsten verpflichtet fühlen, ist eine traurige und klare Botschaft. Waren wir nicht schon mal weiter?

Es geht mir um unsere Werte und unsere Haltung die wir leben! Wenn wir nicht respektvoll uns und anderen gegenüber sind, wer ist es dann? Ich wünsche mir, dass wir das Leben der Verunglückten mehr wertschätzen, Hilfe in jedem Maße zulassen und unterstützen, anstelle diese zu blockieren. Ich wünsche mir, dass wir die Würde und Scham der Unfallopfer, der Sterbenden und der Toten besser schützen.

Mein Kind lag an einem Fußgängerüberweg , schwerstverletzt. Andere verunfallten in Bussen oder in ihren Autos. Sie starb. Viele starben und sterben täglich an anderen Orten. Väter, Mütter, Söhne und Töchter. Partner, Geschwister ….. Wir Angehörigen konnten und können nicht rechtzeitig an diesen Orten sein, um unsere Lieben zu halten, sie zu berühren, ihnen zu sagen, wie sehr wir sie lieben, wie sehr wir sie brauchen oder - sie vermissen werden.

Aber ihr,

ihr, könntet das in Zukunft für uns tun. ………

Judith Machacek, Bayreuth